Dialog der Religionen als Weg zur Stärkung des Friedens(Staatsbesuch des iranischen Präsidenten Khatami) Programm
Eröffnungsrede Bundespräsident Klestil Referat Staatspräsident Khatami Statement Kardinal Schönborn Einleitung zur Gesprächsrunde Bsteh
Dialog der Religionen als Weg zur Stärkung des Friedens - ProgrammDienstag, 12. März 2002, Kleiner Redoutensaal der Wiener Hofburg Eröffnungsworte: Bundespräsident Dr. Thomas Klestil Referat: Staatspräsident Dr. Seyed M. Khatami Statement: Erzbischof Dr. Christoph Kardinal Schönborn Moderation: Prof. P. Dr. Andreas Bsteh, SVD Weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer:
- Univ. Prof. Mmag. Dr. Ingeborg Gabriel, Professorin der Ethik und Christlichen Gesellschaftslehre, Vorstand des Instituts für Ethik und Sozialwissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.
- Univ. Prof. Dr. Susanne Heine, Professorin der praktischenTheologie, Vorstand des Instituts für Praktische Theologie und Religionspsychologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.
- Univ. Prof. Dr. Ulrich Körtner, Professor der Systematischen Theologie H. B. und Vorstand des Instituts für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.
- Erzbischof Prof. Dr. Mesrob K. Krikorian, Patriarchal - Delegat der Armenisch-apostolischen Kirche für Mitteleuropa und Schweden, Pfarrer der Armenisch-apostolischen Kirchengemeinde Österreichs, Honorarprofessor für Armenologie an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.
- Univ. Prof. Dr. Richard Potz, Professor für Kirchenrecht und Vorstand des Instituts für Recht und Religion an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.
- Prof. Anas Schakfeh, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich.
- Univ. Prof. Dr. Heinrich Schneider, Professor em. für Politikwissenschaft an der Grund- und Integrativwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.
- Erzbischof Dr. Michael Staikos, Griechisch Orientalischer Metropolit von Austria, Universitätslektor für Byzantinistik und Neogräzistik an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.
Begrüßung durch Bundespräsident Dr. Thomas Klestil anlässlich des „Dialoges der Religionen als Mittel zur Stärkung des Friedens und der Kooperation“ am Dienstag den 12. März 2002 im Kleinen Redoutensaal der Wiener Hofburg Sehr geehrter Herr Staatspräsident! Hochwürdigster Herr Kardinal! Eminenzen, Exzellenzen! Meine Damen und Herren!
Sehr gerne habe ich Ihrem Wunsch, Herr Staatspräsident, entsprochen, im Rahmen Ihres Staatsbesuches in Österreich die Möglichkeit eines kulturellen Austausches zu haben, bei dem es um die Frage geht, welchen Beitrag die Religionen zum Frieden in der Welt leisten können. Sie haben sich ja schon vor beinahe zehn Jahren hier in Wien diesem Thema gewidmet, und es freut mich, dass ich Sie heute neuerlich zu einem Dialog der Religionen hier in der Wiener Hofburg sehr herzlich begrüßen kann.
Ich danke allen, die meine Einladung zu diesem Gespräch angenommen haben, und bin sicher, dass es sich grundlegenden Fragen unserer Gegenwart und Zukunft auf hohem Niveau widmen wird.
Mein besonderer Dank gilt Ihnen, Herr Professor Bsteh, der Sie seit vielen Jahren schon Außerordentliches für den Dialog zwischen dem Christentum und dem Islam von Österreich aus leisten. Nicht zuletzt dadurch, dass Sie 1993 die bereits erwähnte internationale Konferenz durchgeführt haben, die sich mit dem Friedensverständnis von Christentum und Islam befasste, lange bevor das öffentliche Interesse so intensiv auf den „Dialog der Kulturen“ gerichtet war, wie dies heute zweifelsohne der Fall ist.
Eine besondere Fortsetzung dieser Gespräche fand auf Einladung der iranischen Seite 1996 in Teheran statt. Seitdem ist im Rahmen des Wiener Internationalen Dialogprozesses auch der Kontakt zwischen Gelehrten und Geistlichen aus Österreich und Iran nicht mehr abgerissen, ja er hat sogar eine Vorreiterrolle übernommen und auch zu einer Intensivierung der bilateralen Kontakte beigetragen.
Für die Öffnung der katholischen Kirche zum Dialog zwischen den Religionen kam und kommt in Österreich Kardinal Dr. Franz König eine wichtige Rolle zu. Er hat sich stets für ein verständnisvolles Gespräch eingesetzt und an allen christlich-islamischen Dialogkonferenzen teilgenommen, die in Wien ausgerichtet wurden. Sein wertvoller Rat wird auch weiterhin von uns allen benötigt werden.
Darüber hinaus ist es sehr erfreulich, dass die guten Beziehungen zwischen Österreich und Iran im religiösen Bereich in Kardinal Dr. Christoph Schönborn einen wichtigen Vertreter gefunden haben. Durch Ihren Besuch in Teheran im vergangenen Jahr, haben Sie, Eminenz, die Bedeutung des Dialoges mit dem Islam erneut deutlich werden lassen.
Ganz besonders freut es mich, dass sich der Initiator der damaligen Konferenz in Wien heute wieder unter uns befindet, und ich möchte ihn ganz besonders herzlich begrüßen: meinen langjährigen Freund, Vizekanzler und Bundesminister Dr. Alois Mock.
Meine Damen und Herren!
Die Welt kommt nicht zur Ruhe. Das ist gut und gleichzeitig auch problematisch. Gut dort, wo durch Neuerungen das Leben der Menschen verbessert und ihnen eine Zukunft in Frieden und Wohlstand ermöglicht wird. Problematisch hingegen dort, wo unüberwindliche Gegensätze jedes Leben in Ruhe und Frieden unmöglich machen, wo Konflikte - oft fremd bestimmte - täglich neue Opfer fordern und es schon als positiv empfunden wird, wenn neues Blutvergießen vermieden werden kann.
Wir leben heute in einer vielgestaltigen Welt, die gleichzeitig durch einen unablässigen Fluss von Informationen gekennzeichnet ist und in der kulturelle Unterschiede häufig als Anlass für Konflikte herangezogen werden. Den Anderen als Feind zu betrachten -nichts ist einfacher, nichts ist naheliegender und nichts ist verhängnisvoller. Denn Vielfalt bedeutet Reichtum, nicht Bedrohung.
Ich habe es daher als faszinierend, wichtig und mutig empfunden, als Sie, Herr Staatspräsident, im Herbst 1998 vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen den Vorschlag gemacht haben, ein weltweites Jahr des „Dialoges der Zivilisationen“ auszurufen. Ihre Anregung fand allgemeine Zustimmung und wurde von der 53. UNO-Generalversammlung einstimmig angenommen und im vergangenen Jahr auch in die Tat umgesetzt. Gerne erinnere ich mich auch an unser damaliges persönliches Zusammentreffen in New York.
Der Generalsekretär der Vereinten Nationen Kofi Annan hat Ihre Idee, Herr Präsident, ebenfalls voll unterstützt und darüber hinaus eine Gruppe bedeutender Persönlichkeiten gebeten, den Dialog der Kulturen inhaltlich zu betreuen und im Gespräch über Konzepte nachzudenken, die helfen können, eine lebenswerte Zukunft zu sichern. Österreich, das auf eine lange Tradition interreligiöser bzw. interkultureller Dialoginitiativen zurückblicken kann, hat Ihren Vorschlag und die Entschließung der Vereinten Nationen voll unterstützt und im Jahr 2001 auch eine Reihe von Veranstaltungen in diesem Sinne durchgeführt. Ich selbst habe anlässlich der furchtbaren Terroranschläge in der Vereinigten Staaten zur einer interreligiösen Gedenkstunde in der Hofburg eingeladen, an der Vertreter aller monotheistischen Religionsgemeinschaften teilnahmen.
Ich glaube, dass Österreich aufgrund seiner Geschichte und Kultur eine aktive und konstruktive Rolle spielen kann, wenn es um die Verständigung zwischen Völkern, Ländern und Kulturen geht. Wir sehen darin auch einen nachhaltigen Beitrag zum Frieden. Gerade in einer Welt, die immer enger zusammenrückt, wird der Dialog zwischen den Religionen und Zivilisationen immer wichtiger, um gemeinsam die Zukunft der Menschheit gestalten zu können. Ja es mag sogar so weit gehen, dass der „Dialog der Religionen“ innerhalb eines „Dialogs der Kulturen“ die Themenführerschaft übernimmt, sehen wir doch tagtäglich, wie unser Lebensalltag und unser kulturelles Zugehörigkeitsgefühl von religiösen Traditionen geprägt sind. Deshalb kommt auch dem Gespräch zwischen Christentum und Islam eine so grundlegende, auf die Zukunft gerichtete Bedeutung zu. Der „Dialog der Kulturen“ setzt aber auch eine „Kultur des Dialogs“ voraus. Diese Kultur hat es zwischen Gelehrten der christlichen und der islamischen Welt stets gegeben. Worauf es heute jedoch ankommt, ist, dass der interreligiöse Dialog nicht nur eine Debatte zwischen Gelehrten bleibt, sondern zu den Menschen, zu allen Gläubigen, getragen wird. Sie sind es, die letztlich im Dialog der Religionsgemeinschaften die Sprechenden sind; und jene, die zuhören - einander und Gott.
So hoffe ich, dass unsere beiden Völker, unsere Kulturen und Religionen einander mit Achtung und Aufmerksamkeit zuhören, und wünsche dem interreligiösen Dialog hier in der Wiener Hofburg viel Erfolg und Gottes Segen. (Es gilt das gesprochene Wort) Referat des Präsidenten der Islamischen Republik Iran, Dr. Seyed . KhatamiZuerst möchte ich Herrn Präsidenten Klestil danken, auf dessen Initiative diese Diskussionsrunde zurückgeht. Es ist nur natürlich, dass diese Diskussionen unsere gegenseitigen Erkenntnisse vermehren und dazu beitragen können, die Missverständnisse zu beseitigen, den Horizont unseres Wissens über den anderen zu erweitern und gegenseitige Zuneigungen hervorzurufen. Wenn dieses Verfahren Anerkennung und Verbreitung in der Welt findet, führt es dazu, dass militärische Autorität durch die Autorität des Wortes, des Denkens, der Erkenntnis und der Liebe ersetzt wird. So werden wir eine Welt vorfinden, in der Frieden, Gerechtigkeit und Zuneigung mehr Anhänger findet als Krieg, Aggression und Terror. Freunde, Dialog ist nichts Selbstverständliches. Er ist keine leichte Angelegenheit. Er ist keine alltägliche und gewohnheitsmäßige Handlung zur Befriedigung gewöhnlicher Bedürfnisse. Dialog ist wie ein Kristallbehälter, dessen Farbe von seinem Inhalt bestimmt wird. Wie eine farbige Flüssigkeit in einem Glas nimmt der Dialog die Farbe seines Gegenstandes an. Ich gebrauche dieses Bild, um sofort zu erklären, dass der Dialog als eine Methode, als eine Form etwas anderes ist, als der Gegenstand des Dialogs und der Inhalt. Die Beachtung dieses Punktes führt dazu, dass wir im ersten Schritt die Bedeutung der Form und der Methode bekräftigen, sie vom Gegenstand des Dialogs trennen und ihn gesondert betrachten. Wenn der Dialog als Form und Behälter betrachtet wird, erkennen wir seine wahre Bedeutung. Wir genießen den Duft des Parfums umso mehr, weil es sich in einer Flasche befindet. Der Iranische Dichterfürst Hafis, dessen Gedichte wegen der geistigen Verwandtschaft Goethes mit ihm durch gute deutsche Übersetzung, wie vom blendenden Übersetzer und Orientalist, Hammer Purgstall mehr als andere unsere Dichter im deutschen Sprachraum bekannt geworden sind, beschreibt in einem schönen lyrischen Gedicht den Unterschied zwischen Rose und Rosenwasser. Er meint, dass das Schicksal der Rose und des Rosenwassers vorherbestimmt sei. Die Vorherbestimmung habe die Rose zu einer Geliebten gemacht, deren Schönheit von jedem bewundert werden kann. Das Rosenwasser müsse dagegen hinter dem Schleier bleiben, nicht jedem zugänglich und nur in einem geschlossenen Behälter. Die schöne Rose, die zu Hause und draußen auf allen Plätzen wächst, ist wie eine schöne Geliebte, die auf allen Straßen und Märkten zu beobachten ist. Doch das Rosenwasser ist die Königin in einem Schloss, den Blicken der Menschen verborgen. In diesem Bild scheint der Dialog auf den ersten Blick die Rose zu sein. Doch bei weiterer Überlegung ist er das Hafis‘sche Rosenwasser; schwer erreichbar, selten und verborgen. Es bedarf viel Mühe, an ihn heranzukommen. Ja, es ist eine unermüdliche Suche nach dem Dialog notwendig. Dialog bedarf viel Mut, Weitherzigkeit, Herzensbildung und ein offenes Ohr. Als ich in der Generalversammlung der Vereinten Nationen vom Dialog der Kulturen und Zivilisationen sprach und die Weltgemeinschaft dazu aufforderte, wurde diese Initiative von den Mitgliedern der Organisation begrüßt und einstimmig beschlossen. Der Dialog der Kulturen und Zivilisationen kann naturgemäß viele Bereiche betreffen. Darunter einen sehr wichtigen, vielleicht auch den wichtigsten Bereich, nämlich den Dialog der Religionen. Bei diesem Dialog beschreiten wir einerseits einen gefahrvollen und schwierigen Weg, aber auch andererseits einen leicht erreichbaren. Die Leichtigkeit des Weges besteht darin, dass die Sprache der Religionen, da sie über die gleichen Begriffe verfügen, eine gemeinsame Sprache ist. Die Gemeinsamkeit der Sprache geht auf die Gemeinsamkeit des Ursprungs zurück, er ist die erhabene und einzige göttliche Wahrheit. Die Gefahren und Schwierigkeiten dieses Weges bestehen darin, wenn die Diskussion die Wurzel verlässt und sich zu den Zweigen, Blättern und Blumen dieses Baumes hinbewegt. Hier fangen die Meinungsunterschiede an, so dass die Betonung dieser Unterschiede große Hindernisse auf dem Wege des Dialogs der Religionen aufbauen kann. Natürlich, wenn wir den umgekehrten Weg der Diskussion beschreiten, dass heißt; mit den Zweigen beginnen, werden wir niemals zur Wurzel gelangen. Wenn der Blick durch die Vielfalt der Blumen und Zweige abgelenkt wird, wird die Einheit des Ursprungs und der Wurzel außer acht gelassen, Doch der Bestand dieses Baumes ist von seiner Wurzel abhängig. Ist sie lebendig, gesund und imstande, Nahrung aufzunehmen, erhält sie auch ihre Blätter lebendig und grün. Ist sie dagegen schwach und unfähig, kann ihr auch dann nicht geholfen werden, wenn ihre Blätter und Blumen ständig aufpoliert werden. Daher schlage ich vor, in Diskussionen wie den heutigen die Hauptfragen der religiösen Erkenntnis zu behandeln. Diese Fragen betreffen zum Teil religiöse Überzeugungen und Religionswissenschaften, teilweise soziale und politische Fragen und zum Teil gottesdienstliche Handlungen und religiöse Pflichten. Theologische Diskussionen wie die Attribute Gottes, das Verhältnis zwischen Gott und der Welt; Auferstehung und Prophetentum spielen eine wichtige Rolle beim Dialog der Religionen. Diese Diskussion ist eine Sache der christlichen und muslimischen Denker und Theologen, die sie auf hohem wissenschaftlichem Niveau führen können. Ich möchte in dieser Runde auf wichtige Aspekte der religiösen Theorie in Bezug auf das soziale und politische Leben eingehen. Nach meiner Ansicht lassen sich die wichtigen Elemente der religiösen Sicht und der sozialen und politischen Probleme in drei Punkten zusammenfassen. Das sind Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden. Die Freiheit, von der die Religionen sprechen, ist anders als die Freiheit in der Philosophie, der Politik und der neueren Sozialwissenschaften, auch wenn im allgemeinen hier Zusammenhänge bestehen. Erlauben Sie mir noch einmal, zu dem Bild des religiösen Baumes zurückzukehren. Der religiöse Baum hat zwei Standorte. Wenn wir ihn in der Sprache Platons beschreiben, müssen wir sagen, dass „die Idee des religiösen Baumes“ in der Welt der Ideen im Himmel existiert. Es gibt einen irdischen religiösen Baum, welcher der Schatten jenes Ursprungs ist. Die Erde, auf der dieser religiöse Baum wächst, wird durch den Segen dieses Baumes ein Teil des Himmels: „Die himmlische Erde“. Auf dieser Erde wohnt ein Teil des Himmels. Dieser Baum, der in unsere Erde herabgestiegen ist, hat - wie sein Ursprung in der Welt der Ideen - Wurzeln, Äste und Zweige. Der irdische religiöse Baum ist in den Herzen und Seelen der Menschen verwurzelt. Daher ist nach koranischer Ansicht der Ort der göttlichen Offenbarung das Herz des Propheten. Die Zweige und Blätter dieses Baumes sind die Sprache und die äußeren Handlungen der Menschen. Daher ist die Religion als erstes eine Angelegenheit des Herzens, des Gewissens und des Geistes. Auch wenn klar ist, dass die Religion ebenfalls soziale und politische Aspekte hat. Wenn wir diesen Punkt genau betrachten, so werden wir feststellen, dass die gesamte religiöse Terminologie unter diesem wichtigen Grundsatz verstanden und interpretiert werden muss. Daher ist die Freiheit der Religion im ersten Schritt die Freiheit des Geistes. So ist die Freiheit zuallererst eine geistige, moralische und erzieherische Angelegenheit. Was als politische Freiheit in der Politik und im Rechtswesen zum Tragen kommt, ist selbst die Frucht dieses Baumes. Bleiben wir bitte noch im Bild. Es ist klar, dass die Wurzel die Grundlage des Baumes ist und das Sein und Nichtsein des Baumes davon abhängt. Doch eine gesunde Wurzel nährt die Hoffnung, dass der Baum Früchte trägt. Das beste Kriterium für ein Urteil über Gesundheit oder Krankheit einer Wurzel sind die Früchte. Ein Baum, der keine Früchte trägt, ist krank und unfähig, auch wenn er groß und stark zu sein scheint. Daraus möchte ich schließen: die Freiheit der Religion ist zwar im Geist und in der Seele des Menschen verwurzelt, wenn aber aus ihr keine politische Freiheit für die Menschen erwächst, so muss die Gesundheit dieses Baumes bezweifelt werden. Der Glaube ohne Freiheit hat keinen Realitätsbezug. Grundsätzlich: die Vorstellung des Zwangs - innerlich oder äußerlich - in Sachen Glauben ist ein Widerspruch in sich. Glaube unter Zwang ist eine Quadratur des Kreises. Dies lässt sich nicht einmal in Gedanken vorstellen, geschweige denn in der Außenwelt antreffen. Die Gerechtigkeit ist die wichtigste Forderung des Islam und des Christentums. Die heiligen Schriften des Islam und des Christentums fordern im Wortlaut und im Geiste des Wortes zu Gerechtigkeit auf. Der Bestand eines gesunden sozialen Lebens hängt von der Gerechtigkeit ab. In einer Welt, die ständig kleiner wird, in. der keine politische und wirtschaftliche Entscheidung auf die Grenzen eines einzigen Landes beschränkt bleibt, ist die unvergleichliche Bedeutung der Gerechtigkeit in den wirtschaftlichen und politischen Beziehungen der Welt deutlich geworden. Der dritte Punkt betrifft den Frieden. Der Friede ist in der Tat das Ergebnis der Verbindung zwischen Freiheit und Gerechtigkeit in der Welt. Nichts ist wichtiger und notwendiger als Frieden für das Leben des Menschen, insbesondere in einer Zeit der Verbreitung der zerstörerischen Waffen, in der jederzeit durch einen Knopfdruck das Leben von Millionen ausgelöscht werden kann. Es ist aber klar, dass Frieden ohne Einhaltung der Rechte der anderen, ohne Vermeidung von Gewaltanwendung und der Aufoktroyierung des eigenen Willens auf andere nicht erreichbar ist. Wenn ein Land seine nationalen Interessen derart definiert, dass die Rechte und Interessen anderer verletzt werden, ist dieses Land selbstverständlich kein Verfechter des Friedens. Den Frieden kann man nicht allein mit Worten unterstützen, denn den Worten müssen auch Taten folgen. Der Dialog zwischen der islamischen und der westlich christlichen Welt ist ohne Beachtung der Hindernisse und Schwierigkeiten, die auf diesem Wege aktuell und potentiell vorhanden sind, nicht realisierbar. Es gab Kriege zwischen einigen Muslimen und Christen in der Zeit der Kreuzzüge. Das ist sehr lange her. Vor nicht allzu langer Zeit wurde das Verhältnis zwischen den islamischen und westlichen Ländern durch koloniale Bestrebungen gestört. Um die Hindernisse auf dem Wege des Dialogs zu überwinden, müssen wir diese Geschichte genau kennen. Wichtiger ist jedoch, uns mit Mut und Großmut zu entschließen, diese Hindernisse zu überwinden und aus den bitteren Erfahrungen der Vergangenheit unsere Schlüsse ziehen für den Aufbau subtiler menschlicher Beziehungen. Wer heute von den Kreuzzügen nicht zu diesem Zweck, sondern mit dem Ziel, alte Hassgefühle zu schüren, spricht, ist in der Tat moralisch abgestürzt. Für dessen Seelenheil muss man beten und sich nicht mit ihm anlegen. Diese Kriege hatten nicht nur Tod und Zerstörung zur Folge, sondern auch das Ergebnis, dass der Westen damit begann, sich mit der Zivilisation und Kultur des islamischen Ostens zu befassen. Heute können und dürfen wir diese Kriege nicht wiederholen. Heute können die genannten positiven Folgen bei einem nochmaligen Krieg nicht mehr wiederholt werden, sondern eher die vorstellbaren Folgen des Todes, der Zerstörung und des gegenseitigen Hasses der Menschen aufeinander. Über die praktische Wirkung dieses Vorschlages lässt sich diskutieren. Dabei müssen wir den übertriebenen Optimismus oder Pessimismus in Bezug auf die Wirkung des Dialogs auf die internationalen Beziehungen vermeiden. Man kann aber auch die Sache nicht vernachlässigen. Der Politiker, der dies nicht ernst nimmt, nimmt seine nationale, soziale und humanitäre Verantwortung nicht ernst. Wenn er grundsätzlich nicht imstande ist, die Komplexität und die Notwendigkeit des Dialogs zu begreifen und ihn daher nicht ernst nimmt, ist er tatsächlich ein Politiker, der noch in der Zeit des Kalten Krieges lebt und nicht in der Lage ist, die raschen und tiefgreifenden Entwicklungen unserer Zeit zu verstehen. Der Dialog der Kulturen und Religionen trägt zur Entfaltung einer Welt bei, in der mehr Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden herrscht. Wer einen tiefschürfenden, ernsthaften, mit Herz und Seele geführten Dialog als naiv betrachtet, hat von den menschlichen Erfahrungen in den verschiedenen Bereichen der Wissenschaft, Kultur, Kunst und Spiritualität nicht viel mitbekommen. Ein Leben in Freiheit, Frieden und Sicherheit ist ein Haus, das von Architekten entworfen wird, die reden können und mit der heiligen Kunst des Hörens vertraut sind. Dialog ist nicht nur ein Weg unter vielen, sondern der einzige vernünftige und moralische Weg. Alles andere führt zu Krieg, Aggression und Terrorismus. Aggression ist stumm und sprachlos, Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit werden zuerst durch Worte gesät, die später ihre Früchte in die Außenwelt tragen. Das Wort ist heilig, denn im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. (Es gilt das gesprochene Wort) Runder Tisch zum Thema „Dialog der Religionen als Weg zur Stärkung des Friedens“ mit Präsident Dr. Khatami12. März 2002, Wien Dialog aus dem Herzen der Religionen Kardinal Dr. Christoph Schönborn
Verehrter Herr Staatspräsident! Verehrter Herr Bundespräsident! Meine Damen und Herren! In dieser außergewöhnlichen und von Gott geschenkten und gesegneten Stunde bewegt mich eine Frage, die Sie, verehrter Herr Staatspräsident, im „Weimarer Gespräch“ am 12. Juli 2000 so klar formuliert haben. Sie haben dort, an Ihre Rede an der Universität Florenz anknüpfend, gesagt, „dass der Dialog der Zivilisationen und Kulturen ein Begriff ist, der durch das stetige Bemühen entstanden ist, sich der Wahrheit zu nähern und zu einer Verständigung zu gelangen. Der Dialog ist die Logik des Sprechens und Hörens. Er hat weder mit den Skeptikern zu tun, die nicht glauben, dass es eine Wahrheit gibt, noch mit denen, die glauben, im Besitz der Wahrheit zu sein“ (Religiosität und Modernität, Heidelberg 2001, 12-13). Es war diese Fragestellung, die mich bewog, bei meinem Besuch in Iran vor einem Jahr in meiner Rede vor Studenten und Professoren der Imām Sadiq-Universtät in Teheran die Frage nach dem Verhältnis von Wahrheitssuche und Dialogbereitschaft aufzugreifen. Ich darf kurz daraus zitieren: „Lassen Sie mich ganz offen mit dem schwierigsten Punkt beginnen“, so sagte ich meinen Zuhörern in Teheran: „Unsere beiden Religionen, das Christentum und der Islam, verstehen sich als universale und missionarische Religionen, sie sind nicht nur für ein Volk und ein bestimmtes Land da, sondern für alle Menschen aller Völker. Von ihren Stiftern, genauer gesagt, von der Offenbarung her, die ihnen anvertraut ist, haben sie den Auftrag, das Licht dieser göttlichen Offenbarung zu allen Menschen zu bringen, als Botschaft und Weg des Heils und des Lebens. Ist ein solcher Wahrheitsanspruch überhaupt mit der Haltung des Dialogs vereinbar? Ist er nicht vielmehr Ursache vieler Konflikte, bis hin zu den Religionskriegen?“ (Dialog zwischen den Kulturen für eine Zivilisation der Liebe und des Friedens. Vortrag Festvortrag an der Islamischen Imam-Sadiq-Universität in Teheran. 19. Februar 2001,4). Ist also die Alternative: Krieg der Wahrheitsansprüche oder Relativismus? Ist der einzige Ausweg aus dem drohenden „clash of civilizations“ die Preisgabe jeder Form von verbindlicher Wahrheit? Dass es auch einen anderen Weg gibt, ja dass der Weg des Dialogs nicht den Verzicht auf Wahrheit bedeutet, das war mit ein Thema der „Weimarer Gespräche“. Ich danke Ihnen, Herr Staatspräsident, dies so klar ausgesprochen zu haben. Darf ich heute einen weiteren Schritt in diesem Dialog wagen: Wir sind heute weltweit mit der Skepsis konfrontiert, dass unser Bemühen um den „Dialog der Kulturen und Religionen“ im Grunde unter dem unausgesprochenen und uneingestandenen Vorzeichen steht, es müsse dabei das innerste Anliegen der Religionen eingeklammert bzw. ausgeklammert werden, da dieses notwendigerweise exklusiv und daher intolerant sei. Dies gelte vom Christentum wie vom Islam, ja selbst vom Hinduismus und Buddhismus, es gelte im Grunde von allen Religionen, weil Religion in sich den Keim der Intoleranz trage. Ich glaube, die große Herausforderung des Dialogs der Religionen ist es , zu erkunden und zu ergründen, inwieweit die Haltung des Dialogs sich aus der innersten Mitte der eigenen Religion ergibt. Diese Ausrichtung prägt bekanntlich seit über 25 Jahren unter der Wegbegleitung meines Ordensmitbruders P. Georges Anawati auch die christlich-islamischen Dialoginitiativen, die von St. Gabriel ausgegangen sind, und die dazu beigetragen haben, dass wir hier diesen Dialog führen können. Lassen Sie mich daher stichwortartig vier Gründe nennen, die den Dialog der Religionen aus dem Herzen unserer Glaubensüberzeugung entspringen lassen: 1. Der Glaube an den einen Gott, den Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde, bedeutet auch die Gewissheit, dass die Menschheit wirklich eine ist, die Menschheitsfamilie, und dass ein gemeinsamer Ursprung und ein gemeinsames Ziel uns verbinden. Die Konzilserklärung „Nostra Aetate“ über die nichtchristlichen Religionen geht von dieser Gewissheit als der Grundlage des Dialogs der Religionen aus: „Alle Völker sind ja eine einzige Gemeinschaft, sie haben denselben Ursprung, da Gott das ganze Menschengeschlecht auf dem gesamten Erdkreis wohnen ließ; auch haben sie Gott als ein und dasselbe letzte Ziel. Seine Vorsehung, die Bezeugung seiner Güte und seine Heilsratschlüsse erstrecken sich auf alle Menschen...“ (II. Vatikanisches Konzil, Erklärung über die nichtchristlichen Religionen Nostra Aetate 1). Ausgehend von dem „religiösen Sinn“, der sich bei Menschen verschiedenster Völker und Kulturen findet, und von den großen „Rätseln des menschlichen Daseins“, auf die die Religionen Antwort zu geben versuchen, erklärt sodann das Konzil, worauf der „Dialog der Religionen“ in der Sicht des katholischen Glaubens beruht: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet“ (Nostra Aetate 2). 2. Die universale Sendung, die die Kirche von Christus erhalten hat, der kostbare Schatz der Wahrheit, der ihr anvertraut ist, dürfen nicht zur Überheblichkeit und zum Stolz führen, sondern im Gegenteil zur Demut und Bescheidenheit: „Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt“ (2 Kor 4,7). Im „Dialog der religiösen Erfahrungen“ wird es daher immer eine große Bereicherung sein, echter Religiosität in anderen Religionen zu begegnen, sich ehrfürchtig vor ihr zu verneigen und demütig davon für den eigenen Glaubensweg zu lernen. Zudem gilt: „Stückwerk ist unser Erkennen ... jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht“ (1 Kor 13,9.12). Daraus folgt, dass wir auch die uns anvertraute Wahrheit „nur in rätselhaften Umrissen“ erkennen, anders gesagt: sie im Glauben, nicht in der klaren Schau erfassen können. Im „Dialog der Religionen“ kann es daher auch zu einer Vertiefung der Erkenntnis in die uns anvertraute geoffenbarte Wahrheit kommen, wenn wir sie im liebenden Glauben suchen. 3. Vor Gott tragen wir für einander Verantwortung. Der biblische Glauben an den einen Gott bedeutet auch, dass allen Menschen gemeinsam die Verantwortung und Obsorge für diese Welt und für die Menschheitsfamilie aufgetragen ist. „Dialog der Religionen“ heißt auch, Wege suchen, wie diese Verantwortung über alle Schranken der Religionen hinweg wahrgenommen werden kann. Im „Dialog der Religionen“ kann das Bewusstsein wachsen, dass wir diese Verantwortung wahrnehmen müssen, aus der Mitte unseres christlichen Glaubens heraus, der weiß, dass Gott „so sehr die Welt geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn hingab“ (Joh 3,16). Der weltweite vorbildliche Einsatz von Papst Johannes Paul II. für Frieden, Gerechtigkeit, Schutz der Menschenrechte, und das ständige Bemühen, dafür alle Menschen guten Willens zu gewinnen, entspringt der Mitte des christlichen Glaubens, der weiß und bekennt, dass Gottes Liebe und Vorsehung keinen Menschen ausschließt. 4. Der Glaube gibt uns die Gewissheit, dass wir allen Grund zur Hoffnung haben (Vgl. Papst JOHANNES PAUL II., Novo millennio ineunte. 6. Januar 2001, Nr. 58-59 [= Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 150]). Wir haben Verantwortung dafür, dass die Hoffnung in der Welt von heute nicht verstummt. Die Hoffnung drängt zum Zeugnis, sie sucht nach ihren Spuren und Zeichen in den anderen Religionen, sie sucht deshalb mit ihnen den Dialog, und sie ist „stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die [uns] erfüllt“ (1 Petr 3,15). (Es gilt das gesprochene Wort)
 Einleitung zur Gesprächsrunde mit Präsident Khatami Andreas Bsteh Sehr verehrte Herren Präsidenten, Eminenzen, Exzellenzen, sehr verehrte Damen und Herren! An der Schwelle einer neuen Epoche der Menschheitsgeschichte hat Präsident Khatami den Vereinten Nationen vorgeschlagen, das Jahr 2001 als ein Jahr des „Dialoges der Kulturen“ auszurufen. Die weltweite Staaten- und Völkergemeinschaft, insbesondere auch Österreich, hat diesen Vorschlag begrüßt und angenommen. Wir dürfen damit in Ihnen, verehrter Herr Staatspräsident, einen der Brückenbauer einer neuen Weltkultur sehen, einer Kultur des Dialoges, die den Weg zu einem friedlichen Zusammenleben der Menschen, der Völker und Kulturen, der Religionen und Sprachen eröffnen soll. Angesichts der Alternative Konfrontation oder Austausch, Konflikt oder Dialog haben Sie sich für die Sache des Dialoges entschieden. Erlauben sie mir, dazu drei Gedanken aus unseren Erfahrungen und Einsichten im Rahmen des seit vielen Jahren im Gang befindlichen „Wiener Internationalen Christlich-Islamischen Dialogprozesses“, an dem Sie, sehr verehrter Herr Staatspräsident, ja auch im Jahr 1993 persönlich teilgenommen haben, zu äußern. 1. Der Bau einer Brücke schafft etwas Neues. Er verbindet zwei Territorien - physische oder geistige -, die bis dahin durch ihre Verschiedenheit wie durch eine Kluft voneinander getrennt waren, zwischen denen es bis dahin kein Herüber und Hinüber gab. Der Bau einer Brücke führt in die Begegnung, er ermöglicht den Austausch. Soll die Welt von morgen nicht im Zeichen vorherrschender wirtschaftlicher, kultureller, politischer oder militärischer Mächte stehen, sondern im Zeichen der Begegnung, bedarf es der Brücken, auf denen gegenseitiger Austausch und gegenseitige Unterstützung möglich werden, mit einem Wort der gemeinsame Einsatz für ein friedliches Miteinander der Völker und Kulturen. Voraussetzung für den Bau einer Brücke sind tief in das eigene Erdreich gesenkte Pfeiler, um sie tragfähig zu machen für den notwendigen Brückenschlag. Im Klartext gesprochen: Das Bekenntnis zu einem Dialog der Kulturen und zu einer Kultur des Dialoges schließt die Bereitschaft ein, die eigene Identität nicht - wie es bisher weithin geschah - gegen den Anderen zu definieren, sondern sie für die Begegnung mit dem Anderen zu öffnen. Ein Dialog von Mitte zu Mitte ist unsere Aufgabe, wie wir ihn bereits seit vielen Jahren im Wiener Dialogprozess gemeinsam suchen. 2. Im einzelnen schließt dies bei dem Brückenbau für die Welt von morgen vor allem die Aufgabe ein, sich in neuer Weise auf die ursprünglichen Elemente der eigenen Tradition zu besinnen und sie in die Begegnung mit dem Anderen neu buchstabieren zu lernen. „We have to knock at the door of our traditions until they open“, so hat es einmal einer unserer iranischen Gesprächspartner formuliert. Die Schwerter, die wir durch die Jahrhunderte geschmiedet haben, um einander zu bekämpfen, gilt es zu wandeln in Pflugscharen, die imstande sind, den Ackerboden unserer eigenen Traditionen tief zu durchfurchen, um auf diese Weise „im Schweiße unseres Angesichts“ (vgl. Gen 3,19) einen Boden zu bereiten, auf dem ein neues Miteinander wachsen kann. Die aufrichtige Bereitschaft zu einer Kultur des Dialoges schließt also die Bereitschaft zu harter Arbeit ein, die allein uns in die Lage versetzen wird, den Dialog nicht zu missbrauchen, um nur unter einem neuen Prätext unsere alten Positionen zu wiederholen, sondern in ihm neue Dimensionen zu entdecken, die die Schätze unserer Traditionen für einen gegenseitigen Austausch öffnen. Die Notwendigkeit der Wahrung der eigenen Identität und ihre Erschließung für die Begegnung mit den Anderen bedeutet also, dass der Dialog der Kulturen und Religionen auf Seiten der Dialogpartner die Notwendigkeit intensiver geistiger Auseinandersetzung und hermneneutischer Befassung in sich schließt. 3. Angesichts der immer größer werdenden Ungerechtigkeit in unserer Welt, angesichts der Tatsache, dass ein großer Teil der Menschheit infolge der ungerechten Verteilung der Güter dieser Erde in bitterer Armut lebt und durch die gegebenen Verhältnisse in unerträglicher Weise unterdrückt wird, müssten sich unsere beiden Religionsgemeinschaften in besonderer Weise von Gott aufgerufen wissen, miteinander einzutreten für jene, die rechtlos sind, die keine Stimme haben in unserer Welt, für die Rechtlosen, die in der Welt weder einen Anwalt haben noch auch vielfach einen gerechten Richter. In Anbetracht dieser tatsächlichen Verhältnisse in unserer Welt, die von sich aus die Tendenz haben, immer problematischer zu werden, müssten wir uns gemeinsam darum bemühen, „dass unsere Gelehrten und unsere religiösen Einrichtungen sich im Lager der Unterdrückten befinden und nicht im Lager derer, die über die Unterdrückten herrschen“, wie es einer unserer Gesprächspartner in der 1. iranisch-österreichischen Konferenz 1996 in Teheran formulierte. Die gesellschaftskritische Aufgabe, so haben wir immer wieder betont, ist also eine unaufgebbare Aufgabe unserer Religionen, der gerade auch in einem aufrichtigen Dialog zwischen Christen und Muslimen ein besonderer Stellenwert zukommt, ohne dabei zu übersehen, dass auch umgekehrt - wie die Geschichte immer wieder zeigt - der Gesellschaft eine eminent religionskritische Aufgabe zukommt. Ich erlaube mir nun am Eingang unserer Gesprächsrunde an Sie, sehr verehrter Staatspräsident, die Bitte zu richten, uns näher zu erläutern, was Sie seinerzeit zu dem Vorschlag bewogen hat, dass das Jahr 2001 von den Vereinten Nationen als ein Jahr des „Dialogue among Civilizations“ ausgerufen wird - und welche Bedeutung Ihrer Meinung nach dabei im Zusammenhang mit der heutigen Entwicklung auf eine immer mehr eins werdende Welt zu dem „Dialog der Religionen“ und insbesondere dem Dialog zwischen Christentum und Islam zukommt. (Es gilt das gesprochene Wort)
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