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Unsere Heimat ist im Himmel

Wenn wir uns bei einem Wandertag im Sommer schon am frühen Morgen über den strahlend blauen Himmel freuen, meinen wir etwas anderes, als wenn zwei Menschen im Glück ihres Verliebtseins den Himmel auf Erden erleben. Und wenn Paulus im Bewusstsein, dass wir alle einmal sterben müssen, seine geliebten Philipper tröstet: „Unsere Heimat ist im Himmel“, dann meint er wieder etwas anderes.

 

Das Wort „Himmel“ hat unterschiedliche Bedeutungen. Leute, die vom Himmel sprechen, meinen nicht immer dasselbe. Manche verwenden das Wort auch sehr oberflächlich und gedankenlos. Alte Vorstellungen vom Weltall verstanden den Himmel mit Sonne, Mond und Sternen als das Firmament über der Erde, etwas, das wir Menschen bewundernd bestaunen, das uns aber unerreichbar bleibt. Erzählungen biblischer und anderer Religionen berichten von der Himmelfahrt bedeutender Menschen, in ihre Vollendung hinein. Da ist Himmel als Sitz und Versammlungsort der Götter oder als Wohnung Gottes verstanden oder als Paradies – als der Ort des Glücks, an dem die guten Menschen nach ihrem Erdenleben in Glück und Freude wohnen dürfen. So verbindet sich mit dem Wort Himmel auch die  Sehnsucht und Erwartung von Glück. Von all dem mag immer noch etwas mitschwingen, wenn heute, im Zeitalter der Weltraumforschung, vom Himmel die Rede ist. Mit dem Wort Himmel verbindet sich eine unausgesprochene oder deutliche Sehnsucht und Hoffnung für unser Leben.
Himmel ist auch das wichtige Thema unserer christlichen Glaubenshoffnung. Aber was wissen wir, bei all den unterschiedlichen Bedeutungen und Meinungen über den Himmel, wirklich davon?

 

Himmel – Wer weiß?


Wie wir Himmel verstehen können, ist in der Bibel in immer neuen Bildern und Redewendungen beschrieben. Glückhafte Bilder unseres Lebens und unserer irdischen Wirklichkeit sind ausgewählt, um die kommende Welt, dieses Leben in der Gemeinschaft mit Gott, zu schildern. So spricht schon das Alte Testament von Gottes Weinberg, den er liebt. Den jüdischen Heimkehrern aus dem Exil wird das künftige Jerusalem zum Bild der Hoffnung, des Lebens in Frieden und Gerechtigkeit, des totlosen Ortes ohne Trauer. Beliebtes Bild ist die Hochzeit. Nicht zufällig wirkt Jesus im Johannes-Evangelium sein erstes Wunder bei der Hochzeit zu Kana. Das Fest menschlicher Liebes- und Lebensgemeinschaft wird zum Bild himmlischer Freude. Das gerne gebrauchte Bild vom Festmahl lässt ahnen, dass Gemeinschaft mit Gott und mit geliebten und vertrauten Menschen untrennbar zusammengehören. Essen und Trinken, Genießen und Sattwerden gehören dazu, aber auch Freundschaft, Versöhnung, die Freude am geglückten Miteinander. Es mag gipfeln im letzten Abendmahl Jesu mit den Seinen vor seinem Tod, dem Mahl der Liebe, in dem er selbst sich schenkt.
Eindrucksvolle Bilder, aber Bilder, die wir nicht mit Sachaussagen verwechseln dürfen. Paulus weiß: Das Unsagbare lässt sich in Bildern wenigstens andeuten. Er macht seine Korinther aber aufmerksam: Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben (1 Kor 2,9).
Bilder aus der Erfahrung menschlichchristlichen Lebens werden zu Annäherungen an das, was der Himmel ist. Es sind immer unsere Bilder, aus unserer menschlich diesseitigen Erfahrung gewonnen. Auch Jesus spricht vom Jenseits nur in Bildern. Die Bilder ändern sich entsprechend den Wertmaßstäben der jeweiligen Zeit. So konnte in der Frühzeit der Kirche und noch im Mittelalter der Himmel mit dem hochherrschaftlichen Hofstaat von Kaisern verglichen werden, mit Königspracht und Machtfülle. Heute sind uns andere Bilder und Vorstellungsmodelle näher, auch theologisch näher bei dem, was wir von Gott glauben.
Die Bibel versteht Himmel auch als Wohnung Gottes und damit als etwas, das uns Menschen von uns aus nicht erreichbar ist. Himmel ist aber auch der Name für Gott selbst. „In den Himmel kommen“ heißt dann: bei Gott sein, Gemeinschaft haben mit Gott.

 

Himmel – Ich glaube?


Im sonntäglichen Glaubensbekenntnis beteuern wir unseren Glauben an Gott, den Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Wir denken dabei an den ersten Satz der alttestamentlichen Bibel: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“. Der Prolog des Johannes-Evangeliums erläutert: „Im Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und das Wort war Gott. … Durch das Wort ist alles geworden, was geworden ist.“
Damit ist alles, was nicht Gott selbst ist, das ganze Weltall, in die Schöpfermacht Gottes gegeben. Alles ist durch das Wort der schöpferischen Liebe Gottes geschaffen. Da kommt die personhafte Beziehung der Liebe stärker zur Geltung. Wir glauben an den einen Gott in drei Personen und verstehen Person dabei als Hingabebeziehung, als Zueinander lebendiger Liebesdynamik, als gelebten Dialog der Liebe. Gott hat die Welt ganz wörtlich ins Dasein gerufen.
Die ganze Schöpfung hat so schon eine dialogische Struktur. Im Menschen hat die Schöpfung die Stufe des Bewusstseins erreicht, dass er antworten kann.
Er ist das antwortfähige Wesen. Er ist dialogische Existenz. Wir Menschen sind in den göttlichen Dialog einbezogen, jetzt schon, dürfen aber hoffen, dass wir im Tod in die Gemeinschaft mit Gott hineinsterben. Mit Gottes Schöpfung sind Raum und Zeit gegeben. Im Tod stirbt der Mensch aus dieser Weltzeit heraus in Gottes Ewigkeit hinein, in der das persönliche Ende und das Ende der Welt in eins zusammenfallen und Gott wieder alles in allem ist.

 

Himmel – Was darf ich hoffen?


Da schwingt die Frage mit: Ist das alles nur schön gesagt, sehnsüchtiger Wunsch, Illusion, würde Sigmund Freud sagen, oder ist das wirklich wahr? Es ist ja noch niemand von drüben zurückgekommen, den wir fragen könnten. Dabei möchten wir ja gerne einen schnellen Blick wenigstens in die jenseitige Welt werfen.
Der Philosoph Immanuel Kant hat das ganze Menschsein, die Frage „Was ist der Mensch?“, in diesen drei Fragen zusammengefasst:

  1. Was kann ich wissen? Darin ist alles angesprochen, wovon wir überprüfbare Gewissheit erreichen können.
  2. Was soll ich tun? Was ist für ein verantwortetes sittliches Leben gefordert?
  3. Was darf ich hoffen? Da klingt die Frage an, was denn über den Tod hinaus zu erwarten ist. Eine hoffnungsvolle Antwort sieht auch Kant nur in der Verbindung mit der Wirklichkeit Gottes.

Wir hätten gerne endgültig gesichertes Wissen gerade in diesen letzten Fragen. Ein wissenschaftliches von unserem eigenen Leben ablösbares Wissen ist uns nicht gegeben. Das ist nicht verwunderlich. Manche Sätze, z. B. der Mathematik, sind immer und überall gleich gültig, darum für unser eigenes Leben gleichgültig. Die Gewissheit lebenswichtiger Erfahrungen ist immer nur im eigenen Lebensvollzug selbst zu erreichen. Wenn zwei Menschen in Liebe einander zugetan sind, können sie ihre Liebe nicht in einer ablösbaren Einsicht beweisen. Nur in der gelebten liebenden Hingabe sind sie ihrer Liebe sicher. In letzten Glaubensfragen ist es ähnlich. Sicher sind wir nur im gelebten Glauben selbst. Und solche Sicherheit ist nie ein für alle Mal gegeben. Immer wieder mussten auch Heilige mit Glaubenskrisen, Zweifeln und neuem Bemühen rechnen. Das gibt unserem Leben die Spannkraft, die es bis zum letzten Augenblick in Atem hält.





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© Josef Salmen SVD aus: Michaelskalender 2011 Seite 032