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Leistungsgesellschaft
Mami, bitte lass mich spielen
Grundschule – lernen, spielen, träumen? Nicht mehr: Inzwischen regiert auch hier Stress pur. Viele Eltern wollen ihre Kinder unbedingt auf Gymnasium bringen – notfalls mit Nachhilfe. Aus Angst, dass sonst nichts aus ihnen wird. Ein Plädoyer, die Sommerferien trotzdem zu genießen.
Die meisten seiner Freunde schlafen noch. Aber Tobias Frege ist schon auf. Fein säuberlich hat der elfjährige Gymnasiast Schulhefte, Deutschund Mathebücher auf dem Esstisch drapiert. Mürrisch sitzt er davor und wartet. Gleich gibt es Nachhilfe – in den Ferien, morgens um acht Uhr! „Seine Mutter will, dass der Schulrhythmus beibehalten wird“, erzählt Sabine Zeritsch. Drei Wochen lang soll die 18-jährige Oberstufenschülerin mit dem Fünftklässler zwei Stunden täglich pauken. Deutsch, Mathe und Englisch. „Dabei steht er überall zwischen Zwei und Drei“, so Zeritsch. Nicht gut genug, finden seine Eltern. Immer wieder bekommt Tobias zu hören, dass er besser werden muss – im Hinblick auf seine Berufschancen. Dass Eltern Ferien oft für Nachhilfe nutzen, um vermeintliche Wissenslücken bei ihren Kindern zu schließen, bestätigt Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes. Dieser Trend mache sich seit einigen Jahren bemerkbar und sei besorgniserregend. „Wir beobachten, dass Kinder nicht erholt aus den freien Tagen kommen, sondern oft müde und abgeschlagen sind, weil sie sich kaum ausruhen konnten“, erklärt der 60-Jährige. Vor allem Grundschulkinder und Kinder der gymnasialen Unterstufe seien betroffen. Viele Eltern haben Angst, dass ihr Kind ohne Abitur keine Chance mehr hat auf dem Arbeitsmarkt. „Sie spüren schon in der Grundschule enormen Druck und wollen für ihr Kind den bestmöglichen Schulabschluss“, so Meike Kieslich von der Studienkreis GmbH, einer der größten kommerziellen Nachhilfeschulen Deutschlands. „Bei uns hat sich die Anzahl der Grundschüler in den letzten fünf Jahren von acht auf elf Prozent gesteigert.“ Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung geben Eltern pro Jahr bis zu 1,5 Milliarden Euro für Nachhilfe aus. Insgesamt erhalten 1,1 Millionen Kinder jährlich bezahlten Zusatzunterricht. „Wenn es um die Empfehlung für die weiterführende Schule geht, wird Nachhilfeunterricht ein zentrales Thema für viele Schülerinnen und Schüler“, sagt Dr. Jörg Dräger, 42, vom Vorstand der Stiftung. Im Durchschnitt der Bundesländer bekäme jeder siebte Viertklässler Nachhilfe im Fach Deutsch. Lesen Sie weiter in der aktuellen Ausgabe!
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Wolfgang Hardt aus: Stadt Gottes Juli 2010
Seite 08
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