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24. Jun 2025
Im Interview mit 'Leben jetzt' spricht Provinzial Christian Stranz über seine Erfahrungen in Argentinien und warum es heute vor allem persönliche Begegnung braucht, um Menschen für den Glauben zu öffnen.

‚Leben jetzt‘: Pater Stranz, Sie waren als junger Mann Missionar in Argentinien, lange Jahre Gemeindepfarrer in Österreich und sind seit zwei Jahren Provinzial der mit¬teleuropäischen Provinz mit Sitz in Österreich. Was hat Sie in Ihrem beruflichen Werdegang besonders geprägt?
Christian Stranz SVD: Sicherlich die Zeit in Misiones, Argentinien. Weil die Gemeinde dort sehr engagiert war und ich von den Laien viel lernen konnte. Mit ihnen habe ich mich sehr verbunden gefühlt. Sie haben mich mitgenommen zu den Menschen, die Hilfe brauchten, die krank oder bedürftig waren. Und ich hatte dort die Freiheit, vieles auszuprobieren und aufzubauen. Ich habe mit Jugendlichen gearbeitet, Musik- und Meditationsgruppen gegründet. Als Pfarrer in Vorarlberg durfte ich 20 Jahre lang eine lebendige Gemeinde leiten und neue Ideen einbringen – etwa Aktionen zum Thema „Bewahrung der Schöpfung“, aber auch Exerzitien für Männer, Gebetsmeditationen oder Musikgottesdienste für junge Menschen. Das waren schöne Erfahrungen.
Lj: Was macht Ihrer Meinung nach einen guten Priester aus?
Stranz: Für mich ist entscheidend, dass ein Priester offen auf die Menschen zugeht. Dass er mit ihnen auf Augenhöhe ist, zuhört, Empathie zeigt. Er sollte aus dem Glauben heraus den Menschen Trost schenken oder Mut machen. Und in Momenten der Trauer mit ihnen schweigen, weil es auf die Warum-Frage keine einfache Antwort gibt. Dieses Miteinander scheint mir wichtiger zu sein als ein großes akademisch-theologisches Wissen.
Lj: Wo ist der Unterschied zwischen Priester und Missionar?
Stranz: Ein Seelsorger wird dann zum Missionar, wenn er Menschen gegenübertritt, die nicht gläubig sind. Aber die vielleicht durch biografische Momente auf einmal offen sind für den Glauben. Wenn er dann vor ihnen Zeugnis der eigenen Christusbeziehung ablegt und sie damit berührt, kann der Funke des Glaubens entzündet werden. Das kann durch wertschätzende Gespräche geschehen, etwa bei Beerdigungen und im Rahmen von Kommunionvorbereitung, wo man Menschen erreicht, die sonst nichts mit der Kirche am Hut haben. Auch karitative Aufgaben können missionarisch wirken, wie etwa ein Krankenbesuch oder das Austeilen von Essen in einer Suppenküche. Aber letztlich ist es Gott, der die Menschen durch uns berührt.
Lj: So gewinnt man nur einzelne Menschen für das Christentum. Die Kirchen wird man damit nicht füllen können.
Stranz: Das wird auch nicht mehr gelingen. Da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Unsere Gesellschaft ist individualistisch geworden, deshalb werden wir nur über diesen persönlichen Weg Menschen zum Glauben bringen. Die Situation heute kann man vielleicht mit der Zeit des frühen Christentums vergleichen. Paulus hat als erster Missionar ja auch nicht die Massen bewegt. Es waren einzelne Menschen und Familien, die durch ihn zum Glauben gefunden haben.
Lj: Dafür wächst die Kirche in Afrika und Asien. Wie reagieren die angehenden Missionare von diesen Kontinenten auf unsere säkulare Gesellschaft, wenn sie nach St. Gabriel kommen?
Stranz: Die halb leeren Kirchen beim Sonntagsgottesdienst sind sicher eine Art Kulturschock für sie, auch wenn sie darauf schon vorbereitet wurden. Als Provinzial sehe ich es auch als meine Aufgabe an, sie da zu begleiten. Ich erkläre ihnen die Gründe, die zum Glaubensverlust und den Kirchenaustritten geführt haben. Mit mir können sie immer sprechen, wenn sie Probleme damit haben, so wenig Echo zu erhalten.
Lj: Und wie reagieren die Gemeinden auf junge Priester aus dem globalen Süden?
Stranz: Da kann ich nur von meiner alten Gemeinde sprechen, wo drei von ihnen arbeiten. Und da bekomme ich nur positive Rückmeldungen. Es ist ein gutes interkulturelles Zusammenleben. Etwaige Schwierigkeiten haben meiner Meinung nach eher mit zwischenmenschlichen Problemen und weniger mit der Hautfarbe zu tun.
Lj: Als Provinzial haben Sie einen Verwaltungsposten. Vermissen Sie es, Gemeindepriester zu sein?
Stranz: Sehr sogar. Deshalb mache ich noch nebenbei gerne Aushilfen, wenn Mitbrüder im Urlaub sind, oder darf als Firmspender jungen Leuten die Firmung spenden.
Das Gespräch führte Ulla Arens
Das Interview mit Pater Stranz finden Sie in der Sommerausgabe des Steyler Magazins‚Leben jetzt‘, die anlässlich des 150-Jahr-Jubiläums der Steyler Missionare zur Gänze dem Wirken der „Gesellschaft des Göttlichen Wortes“ in Geschichte und Gegenwart gewidmet ist.
Infos & Bestellmöglichkeit: www.lebenjetzt.eu