Kardinal Nemet kritisiert "Missbrauch" von Religion in Politik

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01. Jun 2026

Der Belgrader Erzbischof und Steyler Missionar Laszlo Nemet im Kurier-Interview über die Kirchen in der Ära Orbán, den Übergang von Papst Franziskus zu Papst Leo und Frauen in der Kirche.

Kardinal Nemet kritisiert "Missbrauch" von Religion in Politik

Der Erzbischof von Belgrad und Steyler Missionar Kardinal Laszlo Nemet SVD hat vor einer Instrumentalisierung von Religion in der Politik gewarnt. Gerade in Europa erlebe man gegenwärtig, dass religiöse Symbole und christliche Werte "bevorzugt von Rechtspopulisten genutzt werden", um politische Ideologien zu legitimieren, so der katholische Erzbischof von Belgrad in einem Interview mit dem KURIER am 31.5.2026. Die Kirche müsse ihre Stimme erheben, wenn "Religion missbraucht und zum ideologischen Kampf gegen Andersdenkende eingesetzt wird".
Kritik übte der Angehörige der ungarischen Volksgruppe in dem Zusammenhang auch an den drei größten christlichen Kirchen in Ungarn (Calvinisten, Lutheraner, Katholiken). Diese hätten aufgrund ihrer Nähe zur abgewählten Orbán-Regierung und ihrer finanziellen Abhängigkeit ihre "prophetische Stimme verloren", so Nemet: "Sie haben sich nicht zu Wort gemeldet, als schwerwiegende Dinge geschahen." Dabei bezieht sich der Kardinal auf den umstrittenen Kurs der ungarischen Regierung während der Migrationskrise 2015 sowie die Stigmatisierung bestimmter Gruppen in den vergangenen Wahlkämpfen.

„Erkennen, welche Werte und Sehnsüchte die Menschen haben“

In der Kirche müsse man viel stärker auf Erfahrungen setzen, zuhören und jede Form von Diskriminierung ernst nehmen, ohne Menschen zu instrumentalisieren oder sie auf einem ideologischen Schlachtfeld gegeneinander auszuspielen, betonte Laszlo Német.
Er habe keine Angst davor, dass klassische Familienstrukturen oder Geschlechterrollen aufgelöst werden. „Es ist das eine, wenn die Kirche sagt, dass die Ehe ein Bund von Mann und Frau ist. Die Realität zeigt zugleich, dass es Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen gibt, die nicht heiraten oder sich scheiden lassen.“ Es sei wichtig, den Menschen zuzuhören, wie sie leben. Dann werde das Leben bunt, und man erkennne, was Menschen suchen, welche Sehnsüchte und Werte sie leben und pflegen, was ihnen heilig ist. „Wir müssen das nicht immer gutheißen, aber ein solches Zuhören nimmt auch Ängste.“

Gleiche Würde und gleiche Rechte für Frauen in der Kirche

Was den gesellschaftlichen Diskurs der Kirche angeht, wünscht sich Nemet ein Abrücken von der "hyperreflektierten, starren Fixierung auf die Sexualmoral". Auch andere moralische Fragen müssten in den Fokus rücken, etwa die Verantwortung für die Schöpfung und Fragen sozialer Gerechtigkeit.
Was die Frauenfrage betrifft, so plädierte Nemet dafür, dass der von Papst Franziskus begonnene Weg einer Förderung von Frauen in Leitungspositionen weite verfolgt werden sollte: "Vom Frauendiakonat halte ich hingegen nicht allzu viel, denn damit würde die Frage nach der Priesterweihe eher noch weiter in eine unbestimmte Zukunft verschoben. Das ist nicht die Lösung. Die Lösung liegt in einem Bewusstsein dafür, dass Frauen in der Kirche die gleiche Würde und die gleichen Rechte haben; hier müssen wir konsequent ansetzen."

Papst Leo kennt Weltkirche in ihrer Vielfalt

Unterdessen sei die Atmosphäre in der Kurie unter Papst Leo XIV. "leiser und systematischer" geworden, so Nemet weiter. Franziskus sei ein "spontaner Prophet" gewesen, der häufig auch Verwirrung gestiftet habe. "Er hat uns motiviert, über Möglichkeiten zu sprechen, den Raum für Diskussion geöffnet und vieles in Bewegung gebracht. Der Raum bleibt offen, Leo ist jedoch eine andere Persönlichkeit. Leo kennt die Weltkirche in ihrer Vielfalt, er ist ein Prozessmensch."
Inhaltlich setze Leo die Linie seines Vorgängers fort, wo bei er deutlich stärker über Frieden spreche als Franziskus. Papst Leo sei ein „Weltbürger“, der in mehreren Kontexten der Welt gelebt habe und gelassener auf Vielfalt und ihre Herausforderungen reagiere.
Die für 2028 angekündigte Kirchenversammlung werde weder ein Konzil noch eine Bischofssynode sein, sondern etwas Neues, bei dem, so hoffe er, alle Getauften repräsentiert sein werden. Bis dahin würden noch viele heikle Fragen diskutiert werden, die bei der letzten Synode in verschiedenen Studiengruppen ausgelagert wurden, erklärte der Kardinal.

Zur Person
Laszlo (Ladislav) Nemet wurde 1956 als Angehöriger der ungarischen Volksgruppe in der nordserbischen Vojvodina geboren. 1976 trat er in die Ordensgemeinschaft der Steyler Missionare („Gesellschaft des Göttlichen Wortes - Societas Verbi Divini“) ein. Er studierte Philosophie und Theologie in Polen und wurde 1983 zum Priester geweiht. Nach einem Missionseinsatz auf den Philippinen absolvierte er sein Doktoratsstudium an der Gregoriana in Rom.
Von 1994 bis 2004 gehörte Nemet zur Österreichischen Provinz der Steyler Missionare. In St. Gabriel war er Professor für Dogmatik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule und Ausbildungsleiter für die Seminaristen. Er wirkte außerdem in der Pfarre Südstadt als Kaplan und war Sekretär des Päpstlichen Nuntius, der den Vatikan bei den UNO-Organisationen in Wien vertrat.
Von 2004 bis 2007 leitete er als Provinzial die Ungarische Provinz der Steyler Missionare. Außerdem war Nemet Sekretär der Ungarischen Bischofskonferenz. 2008 ernannte ihn Papst Benedikt XVI. zum Bischof von Zrenjanin (Vojvodina), 2022 erfolgte die Ernennung zum Erzbischof von Belgrad durch Papst Franziskus. 2024 wurde er ins Kardinalskollegium berufen, im Mai 2025 nahm er als erster Vertreter aus Serbien an einer Papstwahl teil. Seit 2021 ist der Steyler Missionar einer der Vizepräsidenten des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE).

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