Predigtimpuls
Gut oder Böse? Das Urteil darüber steht nur Gott zu!
1. Lesung: Weish 12,13.16-19
2. Lesung: Röm 8,26-27
Evangelium: Mt 13,24-43
Oder: Mt 13,24-30
Heutzutage lebt es sich nicht einfach in unserer Welt, sie ist hochkompliziert und unüberschaubar. Das Gleiche gilt für unsere Kirche. Um sich in dieser Kompliziertheit zurechtzufinden, greifen wir Menschen gerne zu einem altbewährten Konzept: Wir teilen die Welt ein und schaffen Ordnung, indem wir uns eines Schemas bedienen. Das Einteilungsschema vieler Menschen ist einfach: Es gibt Schwarz und Weiß, Progressiv und Konservativ, Deutsche und Ausländer, eine böse Welt und eine gute Welt. Solche Schemata wirken äußerst anziehend, auch in der Kirche, versprechen sie doch Klarheit und Übersichtlichkeit auf einem undurchsichtigen Terrain. Diejenigen, die sich das Schema zurechtlegen, nehmen dann für sich selbst und ihre Positionierung meist das Prädikat “Gut” in Anspruch.
Ist die Welt erst einmal eingeteilt und so Übersicht und Durchblick gewonnen, liegt es nahe, einen weiteren Schritt zu tun. Hier hilft das Motto: die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen, oder auch der angeblich so gesunde Menschenverstand, der uns sagt, ein fauler Apfel stecke auch die gesunden an und müsse daher früh genug aussortiert werden.
Einteilen, urteilen, abstempeln, verurteilen, aussondern und absondern - das geschieht mit Menschen, die uns bedrohlich erscheinen. Solche Reaktionen gelten landauf landab als relativ harmlose Reaktionen. Extrem wird es, wenn man sich der Devise ‚mit Stumpf und Stiel ausrotten‘ verschreibt. Ausgerottet wird dann aus rein edlen Motiven: es verderben ja sonst auch die guten Äpfel.
Solcherart reagierten Menschen schon zu Jesu Zeiten und zur Zeit der Gemeinde des Matthäus.
Das heutige Evangelium sucht eine Antwort auf diese Problematik. Jesus sah sich zu seiner Zeit einer Gruppe gegenüber, die Zeloten hießen. Diese waren davon überzeugt, dass jedem die Gottesherrschaft verkündet werden müsse. Wenn nötig müsse Gottes Herrschaft auch mit Gewalt durchgesetzt werden. So kämpften die Zeloten in einem heiligen Krieg mit Gotteseifer gegen die Feinde des Gottesreiches, die römischen Besatzer. Ihr Traum und die sie motivierende Kraft waren, die Herrschaft Gottes auf Erden mit aller Gewalt herbeizuführen.
Vor diesem Hintergrund erzählt Jesus sein Gleichnis von der ausgesäten Saat und ihrem Schicksal. Drei Zeiten spielen eine Rolle: Jetzt, die Gegenwart, in der er Gottes Wort verkündet, ist die Zeit der Saat; es kommt dann in der Zukunft auch die Zeit der Ernte, darauf kann man sich verlassen; die zwischen Aussaat und Ernte liegende Zeit ist die des Wachsen-dürfens.
Diese Zwischenzeit ist nicht die Zeit, um Gut und Böse voneinander zu scheiden, auch nicht mit Gewalt. Es ist vielmehr die Zeit der immerwährenden Chance. Die Zeit der Scheidung, der Aussonderung kommt erst am Ende. Und, was Jesus wichtig ist: Die Aussonderung ist nicht die Aufgabe des Menschen.
Jesu Verkündigung des Reiches Gottes ist kein Aufruf, in den heiligen Krieg gegen die Feinde Gottes zu ziehen. Es ist nicht die Zeit, jeden auszuscheiden, der sich nicht bis zum letzten Tropfen Blut für die heilige Sache opfert. Und sie ist auch kein Kampfruf für einen fanatisierten heiligen Rest, der in den Krieg gegen die ach so böse Welt auszieht.
Dass ausgesät ist, darüber soll Freude sein; dass die Zeit der Ernte kommen wird, soll die Hörer des Wortes mit Zuversicht erfüllen; für die Zeit dazwischen sind Fanatismus und Gewalt fehl am Platz. Es ist die Zeit der immerwährenden Chance für jeden.
Die Gemeinde des Matthäus las das Gleichnis Jesu aus einem neuen Blickwinkel: Sie erlebt ihre ersten Schwierigkeiten mit dem Christsein. Der erste Elan ist verklungen. Die Zeit der Ernte, auf die man so sehr hoffte, lässt auf sich warten. Der Alltag bricht herein und dehnt sich aus. Unkraut wächst. Überall. Auch in der Gemeinde. Der begeisterte Gläubige findet sich in seiner alten Mittelmäßigkeit wieder. In der Welt ist alles beim Alten geblieben, in der jungen Kirche auch. Viel hat sich mit der Aussaat der Botschaft vom Kommen des Gottesreiches nicht geändert.
So bedrängen Fragen die Gemeinde: Warum lassen sich nicht alle von Jesu Botschaft begeistern? Wie kommt es, dass die bösen Mächte, die Jesus ans Kreuz brachten, weiterwirken? Warum verwandelt der Herr nicht die ganze Welt in Gottes Reich? Wie kommt es, dass es manchmal so schwer ist, den Glauben an Jesus weiterzugeben? Warum bleiben so viele skeptisch, ablehnend, feindlich? Kann man dagegen nichts tun?
Und die Gemeinde findet im Hören des Gleichnisses einen Verantwortlichen für das Unkraut: Der Böse ist es, der Feind, der über Nacht Unkraut sät. Er wird beim Namen genannt und so entzaubert. Aber dennoch hat der Mensch keine Verfügungsgewalt über ihn. Darum ist die Antwort auf das Unkrautsäen und Unkrautwachsen nicht, eine Hexenjagd auf die Söhne des Bösen zu eröffnen. Jesus verkündet vielmehr die freie, noch Chancen gewährende Güte des wachsen lassenden Gutsherrn. So wird der Gemeinde gesagt: Wichtiger als der Blick auf das Unkraut ist das Vertrauen auf den Herrn, der gerade auch dem Weizen sein Wachsen gewährt.
Die Tatsache des Unkrauts bleibt. Die Fragen bleiben weiter drängend: Was ist, wenn das Unkraut doch stärker wuchert als der Weizen? Was ist, wenn es in seiner umarmenden Wuchtigkeit dem Weizen den Raum zum Wachsen doch stiehlt? Muss man darum nicht die Sünder, die Schlechten, die Bösen aus der Gemeinschaft der Frommen und Rechtschaffenen ausschließen, damit diese nicht durch jene gefährdet werden? Haben wir nicht die Pflicht, den guten Samen zu schützen? Sollen die Knechte darum nicht jetzt schon beginnen, das Unkraut auszureißen? Sei es, um auch nur einen Teil der Ernte zu retten?
Das Gleichnis antwortet mit einem kategorischen Nein! Es warnt die Gemeinde davor, vorschnell Gut und Böse zu trennen. Das Unkraut, - Jesus spricht vom Taumellolch -, ist so, dass man es, wenn es noch jung ist, kaum vom Weizen unterscheiden kann. Und wenn es weitergewachsen ist, ist es so mit den Wurzeln des Weizens verbunden, dass man beim Ausreißen riskiert den Weizen mitauszureißen. Darum vermag nur Gott das Urteil über den Wert eines Lebens zu fällen.
Die Gemeinde muss sich dessen enthalten, Gut und Böse scheiden zu wollen. Ihr steht Behutsamkeit im Umgang mit den anderen an. Auch und gerade im bangen Fragen der Gemeinde gilt: Diese Zeit ist die Zeit zum getrosten Miteinandersein ohne sich ständig gezwungen zu sehen, Gut und Böse, rechtgläubig und nicht rechtgläubig, gläubig und ungläubig zu scheiden. Die Aufgabe der Gemeinde zwischen Saat und Ernte ist nicht das Richten, nicht das Unterscheiden nach Gut und Böse, nicht das Bemessen, Beurteilen und Trennen. Dies kann sie getrost Gott überlassen. Die Zeit der Gemeinde ist die des Gewähren-lassens und Ausreifens. Sich selbst und den anderen dürfen jene, die an Jesus Christus und seinen Gott glauben, diese Zeit des Reifens und Wachsens zugestehen.
Die Antwort des Gleichnisses gilt allen eifrigen und übereifrigen Kirchenmännern und Christusgläubigen, die eine reine, heilige und makellose Kirche und eine sauber in Gut und Böse geordnete Welt wollen. Das Gleichnis mahnt uns, wachsam gegenüber allen Fanatikern und Sektierern zu sein, die mit Stumpf und Stiel zur Ausrottung rufen und schreiten. Die Kirche und die Christen in ihr dürfen ihre Aufgabe nicht mit der Aufgabe Gottes am Ende der Zeiten verwechseln. Nie und nimmer! Und auch heute nicht!
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