Predigtimpuls
Wirklichkeitsbezogen leben
1. Lesung: 1Kön 3,5.7-12
2. Lesung: Röm 8,28-30
Evangelium: Mt 13,44-52
Oder: Mt 13,44-46
Br. Bruno und die quakenden Frösche
Da gab es in einer Abtei den frommen Br. Bruno. Er betete auch des Nachts. Aber das Quaken der Frösche störte ihn dabei. Er versuchte es zu überhören und nicht zu beachten. Das klappte natürlich nicht. Erbost rief er den Fröschen aus dem Fenster zu: „Ruhe, ich bete gerade!“ Da Br. Bruno ein frommer Mann war, gehorchten die Frösche sofort seinem Befehl. Der Froschchor verstummte. Eine tiefe Stille breitete sich aus. Doch Br. Bruno kam nicht zur Ruhe. In sich hörte er eine Stimme, die erst leise, dann aber immer vernehmlicher sagte: „Vielleicht gefällt Gott das Quaken der Frösche genau so gut wie dein Gebet?“ Dagegen wehrte sich Br. Bruno. Aber die Stimme gab nicht nach: „warum glaubst du hat Gott diesen Froschchor geschaffen? Da muss doch was Schönes dran sein …“ Da beugte sich Br. Bruno wieder aus dem Fenster und rief: „Los, singt weiter!“ Sofort begann der Froschchor wieder laut und vielstimmig zu tönen. Br. Bruno hörte aufmerksam zu. Je mehr er seinen Widerstand aufgab, um so schöner klang der Gesang. Die Frösche verzauberten geradezu die dunkle Nacht mit ihrem Chor. Diese Entdeckung brachte Br. Brunos Herz in Einklang, in Einklang mit dem Universum, und er verstand vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, was beten heißt. (Nach Anthony Melo)
Dimensionen der Lebenswirklichkeit
Diese kleine Geschichte gefällt mir. Sie macht mich auf einiges aufmerksam, was auch für mein Leben wichtig sein kann. Ich schaue zunächst auf mich selbst. Ich halte mich für ganz passabel und finde mich im wesentlichen auf der Sonnen und Lichtseite des Lebens. Ich habe ein relativ ideales Selbstbild von mir und möchte damit ungestört leben. Plötzlich mache ich aber ganz andere Erfahrungen. So toll läuft es gar nicht mit mir, so passabel auch nicht. Neben meiner Sonnen – und Lichtseite gibt es viel Dunkel und Schatten. Sie stören mich gewaltig und lassen mich mit ihren Stimmen nicht in Ruhe. Ich möchte sie überhören und am liebsten ganz abschalten.
Ähnlich geht es mir auch mit anderen Menschen. Die Bilder, die Ideen und die Vorstellungen, die ich von ihnen entwerfe, halte ich für ihre ganze Wirklichkeit und schleiße sie darin ein. Das lassen sie sich natürlich auf die Dauer nicht gefallen. Sie zeigen, dass sie auch noch andere Seiten ihr eigen nennen. Oft entwickeln sie sich auch in ganz andere Richtungen. Damit zerstören sie meine Bilder, Ideen und Vorstellungen von ihnen. Wie sie sich wirklich zeigen, kann ich nur sehr schwer zulassen. Ihr `so nicht mit mir!´ klingt mir in den Ohren, und das möchte ich gerne überhören und abschalten.
Manchmal geht es mir auch so ähnlich mit meinen Vorstellungen, Bildern und Ideen die von Gott und dem Weg, den er mit mir geht oder gehen will. Wie oft halte ich sie für die ganze Wirklichkeit und versuche, andere Erfahrungen erst gar nicht zuzulassen. Das lässt sich natürlich Gott auf die Dauer auch nicht gefallen. Er zeigt mir ganz andere Aspekte seines Wesens und Wollens. Er möchte, dass ich sie wahrnehme und damit lebe. Das stört mich oft in meiner Ruhe. Seine Stimme möchte ich überhören und am liebsten zum Schweigen bringen.
Gott sei Dank gehen diese Wünsche nicht in Erfüllung. Das Leben selbst ist so mächtig, dass es sich immer wieder in seinen verschiedenen Aspekten und Schichten zeigt und hörbar macht. Seine Stimme ist nicht abzuschalten oder abzuwürgen. Gebe ich, ähnlich wie Br. Bruno in unserer Geschichte, den Widerstand auf, entdecke ich erst die Vielfalt und den Reichtum des Lebens. Ich verstehe vielleicht zum ersten Mal, was leben heißt und wie es beschaffen ist.
Das `hörende´ Herz
Dafür muss ich gleichsam ein lebendiges Organ entwickeln. Wie das aussieht, darauf macht mich die Geschichte, die das 1. Buch der Könige erzählt, aufmerksam. Am Anfang seiner Regierungszeit darf Salomo im Traum eine Bitte aussprechen, die Jahwe ihm erfüllen will. Salomo erbitten nicht Reichtum, langes Leben oder den Tod seiner Feinde. Er erbittet sich ein hörendes Herz. Offensichtlich möchte er aufmerksam, konzentriert, hellhörig, und wach leben. Er möchte sein Leben so gestalten, dass er die ganze Wirklichkeit, in der er lebt, umfassend wahrnimmt. Seiner eigenen Lebenswirklichkeit, der Lebenswirklichkeit seines Volkes und der Lebenswirklichkeit Gottes möchte er innewerden. Er möchte alle ihre Bereiche erkunden. Nur so, denkt er, wird er als Mensch und als König allen gerecht werden und in eine Zukunft hineingehen, die zu einem glücklichen Leben führt. Mit diesem Wunsch zielt er auf die richtige Lebenssicht. Gott erfüllt seine Bitte und schenkt ihm eine Lebensweisheit, die alles übertrifft.
Will ich dem Leben in all seinen Dimensionen einigermaßen gerecht werden, muss auch mich der Wunsch und die Sehnsucht nach einem hörenden Herzen erfüllen. Das hörende Herz ist das eigentliche Organ, das die Sprache der Wirklichkeit aufnimmt und versteht. Das hörende Herz wehrt sich nicht dagegen und schreckt vor ihr nicht zurück. Es lässt sie gelten, wie es sie vernimmt. Es ist auch bereit, die einseitigen Sichten, Bilder, Ideen und Vorstellungen, an denen ich hänge, aufzugeben bzw. sie von neuen Erfahrungen her an- und auffüllen zu lassen. Das hörende Herz befreit von Täuschungen und lässt mich mit der Wirklichkeit, wie sie jeweils zeigt, leben. Mit dem hörenden Herzen wird unsere eigene Lebenswirklichkeit, die der anderen und die Gottes zu einer unüberhörbaren Melodie, die uns einlädt, sie mitzusingen und mitzuspielen. Das hörende Herz des Br. Bruno aus unserer Einleitungsgeschichte schenkte ihm den Einklang mit dem Universum und er verstand zum ersten Mal, was beten heißt. Auch mich kann das auf die ganze Wirklichkeit hörende Herz in die Mitte des Lebens führen, und ich kann hier erfahren, was leben heißt.
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