Predigtimpuls
An Gott scheitern
1. Lesung: 1Kön 19,9a.11-13a
2. Lesung: Röm 9,1-5
Evangelium: Mt 14,22-33
An Gott scheitern
Der Prophet Elia macht eine Gotteserfahrung ganz neuer Art. Der Text, den wir in der ersten Lesung zu hören bekamen, ist ein Ausschnitt mit Bezug auf das Evangelium. In beiden Erzählungen ist vom Sturm die Rede, wenn auch die sonstigen Umstände wenig miteinander zu tun haben. Durch den Ausschnitt aus dem Buch der Könige fallen Verse weg, die dem Geschehen erst ihre Dramatik geben.
Der Prophet ist nicht einfach ein Wanderer, der einen Schlafplatz sucht. Er ist ein Mensch, der am Ende ist, verzweifelt, lebensmüde. Er hat gekämpft mit Worten und (Gewalt-)Taten für die Erhaltung des Jahwe-Glaubens, gegen die Funktions- und Wirtschaftsgottheit Baal. Er hat auf ganzer Linie verloren. Alle seine Gefährten sind tot.
Er ist auf der Flucht vor der Polizei der nicht-israelitischen Königin, die ihm Rache geschworen hat. Er flieht in die Wüste ohne Essen und Trinken, legt sich unter einen kaum Schatten spendenden Ginsterstrauch in die alles versengende Sonne. Er will nicht mehr leben. Da kommt einer, legt ihm etwas zu essen hin, stupst ihn: „Du musst essen, du musst weiter!“ Und er isst und geht: vierzig Tage und Nächte ohne etwas zu sich zu nehmen, bis er zu dem Berg kommt, auf dem Jahwe zu Mose gesprochen hatte unter Donner, Feuer und Sturm. Da hat er seinem Volk durch Mose seine Gesetze gegeben. So ist es in die Überlieferung Israels eingeschrieben.
Jahwe war für die Menschen der Mosezeit ein Gott der Naturgewalten. Furchterregend lässt er seine Stimme in Erdbeben, Meeresrauschen, Sturm, Blitz und Donner erschallen, wie im 29. Psalm:
„Die Stimme des Herrn ertönt mit Macht,
die Stimme des Herrn voll Majestät.
Die Stimme des Herrn... zerschmettert die Zedern des Libanon.
Er lässt den Libanon hüpfen wie ein Kalb...
Die Stimme des Herrn sprüht flammendes Feuer,
die Stimme des Herrn lässt die Wüste beben...“
So fängt der biblische Erzähler auch die Geschichte von Elias neuer Gotteserfahrung an wie damals bei Mose, der oben auf dem Berg steht und offen mit Gott redet fast wie mit Seinesgleichen. Er will Gottes Herrlichkeit schauen, ihm ins Angesicht blicken. Aber Gott befiehlt ihn in eine Felsenspalte, hält ihm die Hand vors Gesicht und zieht vorüber. Nur den Rücken Jahwes, also nur im Nachhinein, kann Mose ihn schauen (vgl. 33,18-23). Wenn Gottes Herrlichkeit vorüberzieht, vergehen ihm Hören und Sehen. Erst wenn er aus dieser Ohnmacht wieder auftaucht, kann er vernehmen, was Gott von ihm will.
Gott wendet die Flucht zur Sendung
Bei Elia ist es gerade umgekehrt. Er will sich verkriechen. Da ruft ihn Jahwe heraus: „Was machst du hier?“ Und Elia klagt sein Elend, sein Versagen. Sein Eifer für Jahwe war ein Schlag ins Wasser, hat sich für ihn als Irrtum herausgestellt. Da ist er in ein tiefes Loch gefallen und kriecht in eine Höhle. Wir dürfen es als Ausdruck seiner Gottverlassenheit verstehen. Da ruft ihn Jahwe heraus: „Stell dich auf den Berg!“ Und Jahwe zog, wie es der Überlieferung entsprach, vorüber: Ihm voraus ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, dann eine Erdbeben, dann ein Feuer. Es sind die Majestätszeichen des Vulkangottes, das Erscheinungsbild seiner grandiosen Herrlichkeit. Doch der Herr war da nicht, weder im Sturm, noch im Beben, noch im Feuer. Gott ist anders, zeigt sich ganz anders. Es trat eine ganz tiefe Stille ein, ein verschwebendes Schweigen (M. Buber). Elia wurde es unheimlich. Er verhüllte sein Angesicht, damit er nicht Gott schauen und sterben müsse (vgl. Ex 33,20).
Während es eben noch geheißen hatte: „Stell dich auf den Berg vor den Herrn“, schildert der biblische Erzähler nun, wie Elia erst jetzt aus der Höhle tritt. Offensichtlich ein Bild dafür, wie Elia in der Tiefe seiner Gottverlassenheit Gottes Nähe gespürt hat. Und er hört wieder die Stimme Gottes nach der abgrundtiefen Erfahrung des Scheiterns. Da erhält er seinen neuen Auftrag. Stopp mit Flucht und Resignation! Geh zurück in dein Wirkungsfeld, jetzt aber mit der Erfahrung, dass Gott ganz anders ist. Er braucht die Mächtigen nicht und keine Gewalttaten. Er fängt ganz unten an mit den Unbekannten, Ohnmächtigen und Kleinen. Er zeigt sich, wo man es nicht vermutet. Ins Scheitern pflanzt er den Neubeginn ein.
Neuer Boden unter den Füßen im Untergang
Diese Gotteserfahrung setzt sich fort in die Erfahrung mit Jesus. Da kommt der Sturm und bringt die Jünger in akute Lebensgefahr. Und da ist Jesus. Fremd und furchterregend kommt er daher. Die Jünger glauben, ein Gespenst zu sehen und schreien vor Angst. So haben sie ihn noch nie gesehen. Er verhält sich wie Jahwe, der vorübergeht. Im Vertrauen mitten in der Katastrophe wird seine Näher erfahrbar, tritt Stille und Frieden ein, offenbart sich seine Herrlichkeit.
Katastrophenerlebnisse, Notschreie, Scheitern, Untergangserfahrungen können uns Gott (wieder) nahe bringen, können unsere überkommenen Gottesvorstellungen untergehen und eine neue Ahnung von seiner geheimnisvollen Größe und seinem unbegreiflichen Anderssein aufkeimen und darin tiefe Geborgenheit finden lassen, mit dem Mut, auf den Trümmern wieder neu anzufangen.
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