Predigtimpuls
Gegensätze
1. Lesung: Jer 20,7-9
2. Lesung: Röm 12,1-2
Evangelium: Mt 16,21-27
Ein anderer Petrus?
Am letzten Sonntag hörten wir auf die Frage Jesu: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“, das Bekenntnis des Petrus: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16,14-15). Die Linie scheint klar. Will das heutige Evangelium uns eines Besseren belehren? Hier ist Petrus nicht derjenige, der in die Nachfolge Jesu tritt, der sich vorbehaltlos zu ihm bekennt, sondern er sucht ihn vielmehr zu behindern, es ihm auszureden, was er tun will, und bemüht sogar Gott dazu: „Das soll Gott verhüten!“ (V22). Sind das Gegensätze? Sicher in der Aussage, aber es ist derselbe Petrus, der schnell mit einem Wort zur Stelle ist, der in seinen Äußerungen oft so schnell und emotional erscheint, dass manche Wortmeldung recht unüberlegt gedeutet werden kann. Diese Szene macht deutlich, dass Petrus vom „Sohn-Gottes-Geheimnis“ bis jetzt wenig verstanden hat. Die Härte des Wortes Jesu zeigt das an: „Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen“ (V23).
Nach dem Messias-Bekenntnis hatte Jesus ihn seliggepriesen; nun wies er ihn schroff zurück. Es muss den Petrus wie ein Keulenschlag getroffen haben. War es ein Schlag zur Besinnung, vielleicht ein weiterer Schritt zur Tiefe des Glaubens? Noch fehlte ihm die Erfahrung des Bedingungslosen Vertrauens, die nicht nur das Wissen, sondern auch das ganzheitliche Erkennen vermittelt.
Was hätte Petrus wissen müssen?
Das Alte Testament gibt doch dem Leiden eine Sinndeutung, wie man sie in dieser Weise bei keiner anderen Religion alter Völker findet: Das Leiden soll den Menschen zur Entscheidung für Gott führen, es soll den Heilungsprozess nach der Sünde einleiten wie es z.B. im Buche der Psalmen heißt: „Herr, mein Gott, ich habe zu dir geschrien, und du hast mich geheilt. Herr, du hast mich herausgeholt aus dem Reich des Todes, aus der Schar der Todgeweihten mich zum Leben gerufen“ (Ps 30,3-4). Das Alte Testament weiß, dass das Leiden eine Voraussetzung für die Läuterung des Menschen, ja, für das Erlangen des Heils ist. Es besteht zwischen dem Leiden und dem Erlangen des Heils ein ähnlicher Zusammenhang zwischen den Wehen einer Gebärenden und den Freuden der Mutternach der Geburt (vgl.: Mi 4,10). Der wirksamste Gedanke jedoch ist, dass der Mensch im Leid Gott näher kommt (Weish 3-5). Den Höhepunkt von Sinn des Leidens findet man aber sicher im Buche Jesaja (Jes 53), wo es heißt: „Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53,5). Damit ist das stellvertretende Sühneleiden des Messias angesprochen. Die Kirche verkündet diesen Text am Karfreitag in der ersten Lesung.
Gewiss wusste Petrus, um all diese Aussagen des Alten Testamentes Aber es sind zwei verschiedene Dinge: etwas theoretisch zu wissen und es für sich in seiner Existenz zu erkennen und anzuerkennen, das wissen wir doch alle aus eigener Erfahrung. Außerdem: Sagen wir nicht immer wieder, dass man den vollen Sinn der prophetischen Texte erst verstehen kann, seitdem sich in Christus alles erfüllt hat?
Die Passion öffnet die Augen
Für das Neue Testament hat das Leiden noch eine viel größere Bedeutung als für das Alte Testament. Jesus nennt drei Ursachen des Leidens:
Die Macht des Satans (vgl. Lk 13,16)
Die Sünde des Menschen (Lk 15,11-32) und
Die Werke Gottes sollen offenbar werden (vgl. Joh 9,1).
Die Haltung, dass alles Leiden Vergeltung für die Sünde sei, lehnt Jesus ab (Lk 16,19-31).
Die Stellung Jesu zum Leiden wird nicht erst deutlich in seiner Passion. Sein ganzes messianisches Wirken war Leiden in verschiedener Gestalt: Er hatte weder Heimat (Mt 8,20) noch Familie (Mk 3,31-35), in aufreibender Tätigkeit durchzieht er Städte und Dörfer Galiläas und Judäas, er findet kaum Verständnis Mt 15,16), schließlich erfährt er von den Führern des Volkes erbitterten Widerstand (Mt 26,3-4) und in der eigentlichen Passion schließlich den Tod.
Aber all diese Ereignisse und Worte Jesu vermochten nicht, den Aposteln die Augen zu öffnen. Erst in der eigentlichen Katastrophe mag neben dem Apostel Johannes auch Petrus langsam etwas von dem Unvorstellbaren – mehr bewusst – geahnt haben, was hinter all diesem Leiden stand, als er nach der Verleugnung sich an Jesu Worte erinnerte: „Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen“ (Mt 26,75), und hinausging und bitterlich weinte. Der Ostermorgen machte dann langsam alles klar. In dem Wort der Emmaus-Jünger spiegelt sich die Haltung aller Jünger und Apostel wider: „Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde.“ (Lk 24,21). Aber dann steht auch das Wort Jesu für das Wachsen des Verstehens von Leiden und Sterben repräsentativ da: „Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?“ (Lk 24,26).
Leiden – auch unser Heilsweg
Auf die Worte Jesu über die Notwendigkeit des Leidens – auch im Leben der Gläubigen – stoßen wir immer wieder im Neuen Testament. Vor allem hat der hl. Paulus eine Theologie „des christlichen Lebensverständnisses“ entwickelt. Nach seiner Überzeugung leidet er nicht nur wie Christus, sondern auch „für ihn“ (2Kor 4,8-11) und mit ihm (Röm 8,17). Und so ist jeder Christ in der Taufe mit Christus gestorben und zu einem neuen Leben erweckt worden. Daher nimmt der Glaubende das Kreuz Christi auf sich (Gal 6,14), es macht ihm seine eigene Schwachheit bewusst und baut statt auf seine Fähigkeiten auf die Kraft Gottes (2Kor 1,9-10). So ist alles Leiden des gläubigen Christen ein Mitleiden am Erlöserleiden Jesu Christi zum Heil der Welt, „denn der Geist Gottes ruht auf euch“ (1Petr 4,14), wie auch Petrus bekennt.
Für Petrus – und nicht nur für ihn – war es ein harter Weg von dem „das darf mit dir nicht geschehen“ (V 22) aus dem heutigen Evangelium bis hin zu dem „wenn ihr um der Gerechtigkeit willen leiden müsst, seid ihr selig zu preisen“ (1Petr 3,14). Der Weg des Petrus bleibt niemandem erspart. Jeder muss in seine Passion gehen, sie ist durch Worte nicht zu ersetzen. Da ist zunächst die Auflehnung gegen das Nichtverstehbare und deswegen Unannehmbare. Dahinter stehen gleich die vier Fragen des „Warum?“! Die Menschen werden nicht fertig mit den Fragen nach dem Leid und vor allem mit der Frage nach dem Urfeind des Lebens, dem Tod. Sie wehren sich gegen die anscheinende Sinnlosigkeit des Leidens und Sterbens. Durch die ständige Auflehnung müde geworden resignieren sie ratlos. Die moderne Medizin hat das Leben zwar verlängert, aber das Leid und den Tod nicht nehmen können. Dies sind Phänomene, die in die Dimensionen weisen, die von der Medizin nicht abgedeckt werden können.
Bei vielen Menschen sind Lebensfreude und Lebenswille gebrochen, sie leiden unter Depressionen, haben den echten Kontakt zu den Menschen verloren. Diesen Kontakt gilt es wiederherzustellen, wenn Menschen wieder einen Halt finden, werden sie die Frage nach dem Sinn des Lebens anders stellen. Sie werden erfahren, dass Leiden zum Leben gehört – fast wie das tägliche Brot. Man kann sie nicht wegdiskutieren. Dies einmal erkannt, macht einen Schritt weiter in die Tiefe möglich. Auf einer Spruchkarte stand: „Wo nichts mehr erlitten wird, gibt es auch kein großes Glück.“ Liebende wissen darum, dass sie in dem Maße miteinander und aneinander wachsen, wie sie an der Liebe und durch ihre Liebe leiden, schließlich reifen und glücklich werden. Durch eine solche Erfahrung gereift, wissen Menschen, dass nichts selbstverständlich ist. Und so erfahren sie die Höhen und Tiefen des Lebens, entdecken und genießen immer neue Seiten, wissen sich beschenkt und sind dankbar.
Das aber geht nur aus einem tiefen Glauben aneinander und einem großen Vertrauen zueinander. Nichts anderes fordert Gott von uns – die Petrus-Szene des Evangeliums will es uns deutlich machen. Jesus musste Leiden und Kreuz auf sich nehmen. Jeder, der sich zu ihm bekennt, muss ebenso mit diesem Kreuz und Leid rechnen (V 24). Jesus meint aber nicht nur den realistischen Blick für die Wirklichkeit, dass es kein Heilmittel gegen Leid und Tod gibt. Für ihn liegen die Dinge tiefer. Für ihn sind leiden und Tod als Folgen der Sünde bewusst angenommen ein Weg, der zum Heile führt. Anders ausgedrückt: Ein Mensch, der durch Leiden (oder Erleiden) in der Verbindung mit Gott Reifung erfährt, gelangt zur letzten Vollendung. Und hier liegt genau der Schlüssel zu einem tieferen Glauben, zu einer festeren Zuversicht, zu einer größeren Liebe. Petrus muss sich mit harten Worten sagen lassen, dass er sich gegen den Willen Gottes stellt. –
Uns ist – wie dem Petrus – aufgegeben, mit Jesus in die Schule des Leidens zu gehen.
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