23. Sonntag im Jahreskreis (A)

Predigtimpuls

Matthäus: gestern – heute - morgen

1. Lesung: Ez 33,7-9
2. Lesung: Röm 13,8-10
Evangelium: Mt 18,15-20

Liebe Schwestern und Brüder, 

in drei Lesungen wird uns Gottes Wort heute zugesprochen, die ganz verschiedenen Bibeltexten entnommen sind - aus dem Buch des Propheten Ezechiel, dem Brief des Paulus an die Römer und dem Matthäusevangelium. Drei ganz verschiedene Texte also, zu verschiedenen Zeiten entstanden, aber in dieser Eucharistiefeier gesammelt und gebündelt zu Gehör gebracht. Eine Abfolge von Texten mit einer Entwicklungslinie von Drohung zur Ermutigung, von der Drohbotschaft zur Frohbotschaft.


Wären wir hier im Hörsaal einer Theologischen Hochschule, könnten wir den Fragen nachgehen, wann diese Schriften entstanden sind und an wen sie ursprünglich gerichtet waren. Aber uns bewegt eher die Frage: Was bedeuten sie für uns? Denn wir hören diese ganz verschiedenen Texte ja als Wort des lebendigen Gottes, der nicht nur in der Vergangenheit gesprochen hat, sondern auch heute noch spricht, der jetzt sein Wort an uns richtet – und zwar ganz konkret den Menschen persönlich anspricht. 

Ein Hinweis auf die individuelle Ansprache liegt in der Anrede dieser Texte selbst, in dem „du" und dem „ihr" dieser Texte. „Du, Mensch ... wenn du aus meinem Mund ein Wort hörst ... von dir fordere ich Rechenschaft ...", so in der ersten Lesung. Weiter dann im Brief an die Römer. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst ... Zu gegenseitiger Liebe seid ihr stets verpflichtet." Und schließlich im Evangelium: „Wenn dein Bruder gesündigt hat, dann geh hin und weise ihn zurecht". 

In all diesen Texten wird also nicht nur oder an erster Stelle über etwas gesprochen. Es wird jemand als „du" und „ihr" angesprochen. Zu jemand wird etwas gesagt. Diese Texte in der Form der Anrede beinhalten somit einen Anspruch und einen Zuspruch. Was darin gesagt wird, sollen wir uns gesagt sein lassen, auch wenn wir nicht die Erstadressaten sind. Gehören wir doch hier und heute zu seinen Jüngern, wollen ihm ja nachfolgen und unser Leben nach ihm ausrichten und gestalten – du und ich!


Wenn wir uns diese Lesungstexte ganz persönlich gesagt sein lassen, stoßen wir uns vielleicht an ihren Inhalten. Manches, was da gesagt wird, geht uns vielleicht gegen den Strich. Vielleicht sträuben wir uns automatisch oder instinktiv gegen ihre Inhalte und verfallen leicht in die „Ausrede", dass diese Worte ja an Menschen einer anderen Zeit und Kultur gerichtet waren. Kritische Fragen kommen uns spontan in den Sinn:

  1. „Du, Mensch, ich gebe dich dem Haus Israel als Wächter. ... Du musst sie vor mir warnen ... von dir fordere ich Rechenschaft". Lassen wir uns solche Worte gerne sagen? Wer möchte denn gern zum Wächter, zum Aufpasser, bestellt werden? Macht man sich da nicht lieber die Worte Kains zu eigen, „Bin ich der Hüter meines Bruders" und weist damit alle Verantwortung von sich?
  2. „Bleibt niemand etwas schuldig ... Zu gegenseitiger Liebe seid ihr verpflichtet." Schulde ich wirklich anderen etwas? Mache ich mich tatsächlich schuldig, wenn ich die anderen nicht liebe? Die Liebe - eine Pflicht? Kann man da noch von Liebe sprechen?
  3. „Weise deinen Bruder zurecht, wenn er gesündigt hat", - unter vier Augen, vor ein oder zwei Zeugen, vor der Gemeinde! Hier werden einzelne Schritte angegeben, mit denen das vorher Gesagte sehr konkret wird! Muss ich mir das vorschreiben lassen?


Wie viel Verantwortung trage ich gegenüber meinem Nächsten, wo beginnt und wo endet sie? Soll ich mich wirklich einmischen? Halte ich mich nicht besser raus? Natürlich soll ich als Mensch verantwortlich handeln, aber habe ich nicht schon genug mit mir selbst zu tun? Habe ich auch noch Verantwortung für andere, für ihre persönlichen Angelegenheiten?


Ist es nicht so, dass wir oft um Einwände nicht verlegen sind, wenn es gilt, Verantwortung zu übernehmen?


Verantwortung! Steckt darin nicht „Antwort" und indirekt die Frage: „Wem antworte ich eigentlich, wenn ich Verantwortung für andere übernehme"? „Wenn ihr heute auf meine Stimme hört, verhärtet euer Herz nicht". So heißt es im Antwortpsalm nach der ersten Lesung! „Verantwortung für andere übernehmen“: Heißt das nicht: auf Gottes Stimme antworten - auf die Stimme des Herrn, unseres Schöpfers; auf die Stimme des Gottes, dessen Volk wir sind; des Guten Hirten, dessen Stimme wir kennen, auf die wir ja hören wollen!

„Verantwortung für andere übernehmen“: Heißt das nicht letztendlich: "Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen"? Gemeinschaft ist das große Anliegen dieses 18. Kapitels des Matthäusevangeliums. Bei einem aufmerksamen Lesen desselben fällt auf, dass zwei Wörter wiederholt oft vorkommen: Im ersten Teil (VV. 1-14) ist es das Wort von den Kleinen. Damit sind die Menschen - auch in der Gemeinde - gemeint, die nichts oder nicht viel gelten. Ihnen, diesen Kleinen und Geringen, soll kein Ärgernis gegeben werden. Im zweiten Teil (VV. 15-35) dieses Kapitels, zu dem der heutige Evangelienabschnitt gehört, ist das Wort „Bruder" das Schlüsselwort.

Beide Teile mit ihren jeweiligen Schlüsselworten enden mit einem Gleichnis, in denen zur Verantwortung gegenüber den als „Kleine" und als „Brüder" bezeichneten Gemeindemitgliedern aufgerufen wird: die Gleichnisse vom guten Hirten, der dem verlorenen Schaf nachgeht, und vom barmherzigen König und dem unbarmherzigen Diener. Das erste endet mit dem Aufruf: „So will auch euer himmlischer Vater nicht, dass einer von diesen Kleinen verloren geht!" (V. 14). Mit anderen Worten: „Sorgt dafür!" Und das zweite mit dem Wort des Königs: „Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich Erbarmen mit dir hatte?", dem sich das Schlusswort Jesu anschließt: „Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt."

Verantwortung in der Gemeinde und für die Gemeinde: Dafür zu sorgen, dass keiner von den „Kleinen" auf Abwege gerät und verloren geht, und mit den „Brüdern" so barmherzig umzugehen, wie Gott es mit jedem von uns tut.
Verantwortung in der Gemeinde und für die Gemeinde: Dazu gibt uns der Evangelist - gibt uns letztendlich Jesus - drei Stichworte an die Hand: einander kein Ärgernis geben; einander in rechter Weise zurechtweisen; einander von ganzem Herzen vergeben. Dabei ist, wie eingangs gesagt, Gemeinde nicht als anonymes soziales Gebilde zu verstehen: Jeder Einzelne ist persönlich angesprochen.


Nach diesem kurzen Blick auf das Ganze dieses 18. Kapitels kehren wir noch einmal zu unserem Evangelienabschnitt zurück. Richten wir unsere Aufmerksamkeit diesmal nicht auf das, was wir für die Kleinen und die Brüder und Schwestern in der Gemeinde tun sollen, sondern wer wir als Gemeinde sind.

  1. „Alles, was ihr auf Erden bindet, das wird im Himmel gebunden sein,  und alles, was ihr auf Erden löst, das wird im Himmel gelöst sein".
    Dieses Wort vom Binden und Lösen, das an anderer Stelle an Petrus allein gerichtet ist, stammt wohl aus der juristischen Terminologie und scheint sich vor allem auf das zu beziehen, was verboten oder erlaubt ist, bzw. was annulliert oder ratifiziert wird. Wichtig in diesem Wort ist die Entsprechung von „auf Erden" und „im Himmel", wie wir sie ja ähnlich aus der Vaterunser-Bitte kennen. Eine ähnliche Entsprechung findet sich auch im Prolog des 1. Johannesbriefes. Dort heißt es: „...damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt. Wir aber haben Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus". Die Gemeinschaft mit uns, der Gemeinde, die entsteht im Geben und Empfangen des Wortes des Lebens, ist ein Bild, ja, ein Spiegelbild der Gemeinschaft von Vater und Sohn. Damit gewinnt die Gemeinschaft, um die wir uns hier bemühen - indem wir kein Ärgernis geben, einander besorgt und in Klugheit zurückweisen, und schließlich einander verzeihen - ihre ganze Schönheit und letzte Tiefe!
  2. Das zweite Wort: „Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem Vater erhalten." „Gemeinsam", in Übereinstimmung miteinander, in „Symphonie" erbitten - so könnte man das hier gebrauchte griechische Wort wiedergeben. Diesem gemeinsamen Gebet wird Erhörung versprochen, einem Gebet also, das jedem Individualismus abhold ist.
  3. „Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." Die Gegenwart des Herrn in der Versammlung von auch nur zwei oder drei in seinem Namen - vielleicht kann man diesen Satz als die inhaltliche Mitte des ganzen Matthäusevangeliums ansehen. Am Anfang (1,23) wird in der Ankündigung der Geburt Jesu sein Name genannt und seine Bedeutung auf einen Nenner gebracht: „Immanuel" – „Gott ist mit uns". Das Evangelium endet (28,20) mit der Verheißung: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt." Zwischen dem dankbaren Blick in die Vergangenheit und dem vertrauensvollen in die Zukunft steht als Mitte des Evangeliums, der Frohen Botschaft, der frohmachende Blick in die Gegenwart.

„Da bin ich mitten unter ihnen!" 

Worte, gerichtet an uns, die wir hier in seinem Namen versammelt sind;
Worte, die das Geheimnis in Worte fassen, das wir jetzt feiern;
Worte, die wir beantworten wollen, indem wir im alltäglichen Leben verantwortlich handeln.


P. Dr. Ludger Feldkämper SVD

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