19. Sonntag im Jahreskreis (A)

Predigtimpuls

Vorurteile / Vertrauen, etwas zu wagen

1. Lesung: 1Kön 19,9a.11-13a;
Zwischengesang: www.antwortpsalm.de
2. Lesung: Röm 9,1-5
Evangelium: Mt 14,22-33

Gedanken zu Röm 9,1-5 

Haben Sie Vorurteile? Beispielsweise gegenüber europäischen Nachbarn, Franzosen, Polen, Italienern...? Oder auch gegenüber Deutschen aus anderen Bundesländern? Oder gegenüber Menschen aus Asien oder Afrika, die unter uns leben?

Wir streiten gern ab, Vorurteile zu haben, aber natürlich haben wir ein Bild von unseren Nachbarn. Vielleicht haben wir einige von ihnen kennen gelernt, sicher haben wir viel über sie gehört oder gelesen. Wir sind überzeugt zu wissen, wie diese anderen sind und wo ihre Schwächen liegen. Aber kann unsere pauschale Sicht überhaupt stimmen? 

Wenn wir hören, wie andere uns sehen, dann empfinden wir wohl das Positive, das sie uns zuschreiben, als Bestätigung unserer eigenen Sicht, aber auf das Negative reagieren wir meist empfindlich und wehren uns: So sind wir doch nicht, vielleicht der eine oder andere, aber nicht alle; ich jedenfalls bin anders. 

Vorurteile – womit wir meist nur negative Eigenschaften meinen, die man anderen zuspricht – können ein Fluch sein. Wie oft haben sie wohl dazu geführt, dass Krieg gegen Nachbarn bejubelt wurde wie zu Beginn des Ersten Weltkriegs nicht nur in Deutschland. Wie oft haben Vorurteile Gewalt gegen andere gerechtfertigt, selbst die Ausrottung großer Bevölkerungsgruppen. In Europa hat das jüdische Volk die schlimmsten Erfahrungen damit gemacht. Zu dem Massenmord an den Juden unter der Nazi-Herrschaft wäre es kaum gekommen, wären nicht durch die Jahrhunderte Vorurteile gegen die Juden gepflegt und weitergegeben worden, keineswegs nur in Deutschland. Pogrome gegen die Juden gab es früher schon in verschiedenen Staaten. 

Was Christen Juden angetan haben, gehört zu den dunkelsten Seiten der Geschichte des Christentums. Dass das Drängen der jüdischen Obrigkeit, Jesus hinzurichten, und der Kampf dieser Obrigkeit gegen die junge Christengemeinde kein Grund sein kann für die Unterdrückung und Verfolgung der Juden, sollte zumindest heute jedem klar sein. Wenn Juden als Gottesmörder angeklagt werden, so zeugt das unter anderem von einer fehlenden Kenntnis des christlichen Glaubens. Abgesehen davon, dass Jesus Rache verbietet und Vergebung und Versöhnung fordert, sagt uns der Glaube – und wir bekennen es immer wieder in unsern Gebeten –, dass Jesus aus Liebe zu uns wegen unserer Sünden sein Leben hingegeben hat. Der tiefste Grund für Jesu Tod ist also unsere Sünde, meine Sünde. 

Falsch ist die Vorstellung, Gott hätte sich vom jüdischen Volk abgewandt und seinen Bund mit Israel aufgelöst. Die Heilige Schrift versichert uns immer wieder, dass Gott treu ist, selbst wenn wir Menschen untreu sind. Hätte Gott die Juden aufgegeben, müsste er längst auch uns Christen aufgegeben haben; denn die Christen haben im Laufe der Geschichte nicht weniger Gott die Treue gebrochen als das alte Bundesvolk. Und wie sieht es heute bei uns aus! 

In der heutigen zweiten Lesung spricht Paulus von den Israeliten, dem jüdischen Volk. Voll feurigen Eifers für den jüdischen Glauben hatte Paulus einst die Anhänger Jesu verfolgt, bis Gott ihm seinen Sohn offenbarte, wie Paulus selber es nennt. Da hat er angefangen, Jesus Christus zu verkünden und bis nach Europa hin christliche Gemeinden zu gründen. Nun wurde er selbst von seinem Volk verfolgt, aber er hat sich nie von diesem Volk losgesagt. 

Die Lesung zeigt, mit welch leidenschaftlicher Liebe Paulus an seinem Volk hing. Mit feierlicher Versicherung spricht er von seinem großen Schmerz darüber, dass Israel Jesus Christus nicht annimmt. Er wäre sogar bereit, von Christus getrennt zu werden, d.h. auf die innige Verbindung mit dem Herrn in der Jüngergemeinde, dem Leib Christi, zu verzichten zugunsten seiner Stammesgenossen. 

Paulus zählt die Vorzüge auf, mit denen Gott Israel bedacht hat; Paulus versteht sie als bleibendes Geschenk: die Gotteskindschaft und die Gegenwart Gottes und seiner Herrlichkeit in seinem Volk, den Bundesschluss und die Gesetzgebung am Sinai, den Gottesdienst und die Verheißungen, die Väter, die Stammväter Israels, die als erste an den einen Gott geglaubt haben; und als Höhepunkt schließlich: „dem Fleische nach entstammt ihnen der Christus“. Paulus schließt mit einem Lobpreis auf Gott, der über allem steht, den Gott, der Israel so reich beschenkt hat. 

„Dem Fleische nach entstammt ihnen der Christus.“ Muss das nicht jeden Christen zu Achtung und Dankbarkeit gegenüber dem jüdischen Volk bewegen? Jesus war gläubiger Jude, ebenso Maria und Josef, die Apostel und ersten Jünger. Die ersten Missionare waren Juden wie Paulus. 

Wie können wir, die an Jesus glauben, die Juden hassen und verfolgen? Wie können wir sein Volk pauschal ablehnen? Wir schulden dem jüdischen Volk Dank, dass es trotz aller menschlichen Schwäche den Glauben an den einen Gott durch die Jahrhunderte festgehalten hat, auch unter Verfolgung. Und so konnte der Sohn Gottes im jüdischen Volk Mensch werden. 

Wie viele Vorurteile haben sich im Laufe der Jahrhunderte gebildet, weil die Juden sich nicht einfach in die Bevölkerung eingefügt haben, sondern anders waren: weil sie eine eigene Glaubensgemeinschaft bildeten und die Glaubensbekundungen der anderen nicht mitmachten; weil sie sich in Nachbarschaften ansiedelten – aber das tun ja auch Menschen aus anderen Ländern, wenn sie in ein fremdes Land ziehen; weil die Juden andere Feiertage begingen und andere Speiseregeln hatten; weil sie vor allem Handel trieben, Geldgeschäfte machten oder Ärzte waren – dass ihnen viele Berufe verwehrt waren, wurde nicht zur Kenntnis genommen. Das Anderssein erzeugte Misstrauen, Misstrauen führte zu Vermutungen, Vermutungen zu Verdächtigungen, Vorurteile wucherten und verfestigten sich.

Es ist schlimm, dass der Antisemitismus nach der Ermordung unzähliger Juden durch die Nazis weiter besteht. Doppelt schlimm ist, wenn Christen noch immer feindlich gegen Juden eingestellt sind und nicht gelernt haben, in den Juden das Volk zu sehen, das uns Jesus geschenkt hat. Achten wir auf unsere Vorurteile, achten wir darauf, dass Fehler und Versagen einzelner oder bestimmter Gruppen uns nicht dazu bringen, Vorurteile gegen ein ganzes Volk zu entwickeln! Und das gilt nicht nur im Blick auf das jüdische Volk.


Gedanken zu Mt 14,22-33 

Als Jesus von der Hinrichtung Johannes des Täufers hörte, wollte er sich in die Einsamkeit zurückziehen, er suchte die Stille, aber von allen Seiten strömten Menschen herbei. Also widmete er sich ihnen, predigte, heilte die Kranken und speiste schließlich am Abend etwa fünftausend Menschen mit fünf Broten und zwei Fischen. Dann erst tat er, wozu er gekommen war: er stieg zum Gebet auf einen Berg und suchte in der Stille die Begegnung mit dem Vater.

Von einem heiligen Chinamissionar berichtete ein Augenzeuge: Wenn P. Josef Freinademetz in der Seminarkirche betete, schlichen sich oft chinesische Seminaristen in die Kirche, um ihn beim Gebet zu sehen. Das Bild dieses betenden Missionars prägte sich ihnen tief ein. – Welchen Eindruck hätte wohl das Bild des betenden Jesus auf uns gemacht? Aber auch der Bericht des Evangeliums lässt uns das Gebet als Kraft-Ort erkennen, das Verweilen bei Gott als Kraftquelle für die Mühe und Not des Alltags und für eine liebevolle Begegnung mit den Mitmenschen. Jesus zeigt uns, wo wir uns Kraft holen können und wie wichtig ein Verweilen im Gebet ist. 

Dann sehen wir Jesus über den See gehen, der vom Wind aufgewühlt ist. Manche Theologen meinen, diese Geschichte gehörte in die Zeit nach der Auferstehung Jesu als eine weitere Geschichte von der Begegnung der Jünger mit dem Auferstandenen. Matthäus hat sie in die Zeit vor dem Leiden Jesu gestellt.

Wie auch immer, die Aussage bleibt dieselbe: Jesus, der Sohn Gottes, ist Herr über die Natur und Herr über die menschliche Geschichte; ihm kann ich mich anvertrauen. 

Die Bootsfahrt über den See bei Gegenwind – ein passendes und einprägsames Bild für unser Leben. Wer sich in ein Boot begibt, verlässt den festen Boden und vertraut sich dem schwankenden Nachen an, der ihn auf dem Wasser über den Abgrund trägt, immer gefährdet von Wellen und Wind. Normalerweise fühlen wir uns sicher, aber es kommen Situationen, in denen wir erkennen, wie zerbrechlich unsere Sicherheit ist: Krankheit, Unfall, Konkurrenz, Feindschaft, eigene Fehler..., nicht zu sprechen von Wirtschaftskrise, Naturkatastrophen, Terror, Krieg.

Einer geht über das Wasser, über alle Gefahren, den drohenden Winden zum Trotz. Denen im Boot ist das unheimlich, bis er sich zu erkennen gibt. Petrus erkennt: Bei ihm ist Sicherheit. So wagt er die Bitte: „Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme.“ 

Befehlen soll es ihm Jesus, damit ganz klar ist: Es ist Jesu Wille, nicht nur sein eigener Einfall. Wie leicht sind wir versucht zu meinen, was wir uns wünschen, müsse auch dem Willen Gottes entsprechen. Wie oft täuschen wir uns da. Als Jesus dem Petrus sagt „komm“, steigt Petrus aus dem Boot und geht auf Jesus zu.

Eine mutige Tat, eine Tat des Glaubens. Aber Petrus macht eine Erfahrung wie so mancher nach ihm, der von der Größe und Stärke des eigenen Glaubens vielleicht zu sehr überzeugt war und daraufhin etwas wagte: Plötzlich wird Petrus die Gefahr bewusst, und die Angst erweist sich als stärker als der Glaube. Petrus geht buchstäblich baden. Aber der Glaube ist noch stark genug, sich an Jesus zu wenden: „Herr, rette mich!“ 

Wie groß ist die Gefahr, in einer solchen Situation nur noch auf die eigene Kraft zu vertrauen und sich enttäuscht von Gott abzuwenden. Freilich darf das Vertrauen auf Gott nicht dazu verführen, selbst nichts mehr zu tun. Beides muss zusammenkommen, eigener Einsatz und Vertrauen auf Gott ... Oft hilft Gott so, dass er unserem eigenen Bemühen zum Erfolg verhilft.

Noch im Versagen zeigt uns Petrus den rechten Weg: die Hinwendung zu Christus. Christus hat Petrus gerettet und wird auch uns retten, immer – wenn auch nicht immer so, wie wir es erwarten und wünschen, aber so, wie es für uns gut ist.

P. Lothar Janek SVD

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