22. Sonntag im Jahreskreis (A)

Predigtimpuls

„Wer mein Jünger sein will, …“

1. Lesung: Jer 20,7-9
Zwischengesang: www.antwortpsalm.de
2. Lesung: Röm 12,1-2
Evangelium: Mt 16,21-27

„Wir bekennen uns zu unserem christlichen Glauben gegen den Widerspruch der „Welt“ und auch gegen den Aufstand im eigenen Herzen. Erst in der Nachfolge des Gekreuzigten wird das Herz frei und das Bekenntnis wahr und echt“ – so hat jemand versucht, die Thematik des heutigen Sonntags zu formulieren. Die Formulierung klingt zweifellos etwas überheblich, erscheint der Anspruch, für den sie steht, doch wohl größer als was innerhalb der menschlichen Grenzen noch erträglich ist. Auch wäre zu fragen, ob und wie weit der einzelne Christ denn berechtigt und befähigt ist, im konkreten Fall auf diesem Weg der Nachfolge zu entscheiden, wie er sich subjektiv zu verhalten hat, um seiner christlichen Berufung treu zu bleiben. In der heutigen Gesellschaft, wo dem Individuum als selbständiger Person so viel Raum gewährt wird und eine aus persönlicher Einsicht getroffene Entscheidung eher respektiert wird, als das früher vielleicht der Fall war, scheint dies doch von besonderem Belang zu sein. 

Geradezu unerträglich, erniedrigend und nicht nachvollziehbar muss einem Menschen des 21. Jahrhunderts vor allem das Wort Jesu erscheinen, der echte Jünger müsse sich selbst verleugnen, um sein Kreuz auf sich zu nehmen und ihm zu folgen. Damit ist jeder Romantik eines nur symbolischen Kreuztragens der Boden entzogen. Mit der Forderung nach Selbstverleugnung als Voraussetzung für Kreuz und Nachfolge trifft die Wirklichkeit den Jesusjünger mit ihrer ganzen Härte. Heutzutage, wo alles auf Selbstverwirklichung aus ist, und in der Optimierung aller Anlagen und Fähigkeiten die Möglichkeit gesucht wird, sich in einer Welt zu profilieren und bestätigt zu finden, wo es auf Leistung und öffentliche Anerkennung ankommt, ist ein solches Verständnis von Nachfolge, vor allem, wenn man damit junge Menschen ansprechen wollte, schwer zu vermitteln. 

Und was sagt die Kirche zum besseren Verständnis der im heutigen Evangelium von Jesus geforderten radikalen Form der Nachfolge mit Selbstverleugnung und Kreuz als wesentlichem Bestandteil eines christlichen Lebens im Sinne der Botschaft vom Reiche Gottes? Wie flexibel, diskussionsoffen und kompromissbereit hat die Kirche zu sein, um den Erfordernissen der Zeit gerecht zu werden und für die Menschen auf ihrem Lebensweg eher eine Hilfe als ein Stolperstein zu sein. Zweifellos führt die konkrete, authentische Christusnachfolge nicht an den drei Verwirklichungsbereichen - Gebet, Verkündigung und Dienst vorbei. Es sind die unzähligen Heiligen, die durch ihr Leben und ihr Zeugnis über die Jahrhunderte bis in unsere Zeit hinein belegt haben, dass die Wirkung der Botschaft Jesu von Gerechtigkeit und Liebe erst über Selbstentäußerung und Kreuz bleibende Gültigkeit gewinnt. Gerade dort, wo es zum Einsatz des Lebens kam, um die Treue zu Gott und den Dienst am Menschen in extremen Situationen zu bezeugen, werden sie denn auch von der Kirche als Märtyrer verehrt. Der hl. Thomas Morus ist nur einer von den vielen. 

Weltoffenheit nennen heute viele das, was sie an Papst Franziskus wahrnehmen bei seiner pastoralen Sorge um das Wohl nicht nur seiner katholischen Gläubigen sondern aller Menschen, sind sie für ihn doch alle zur Kindschaft Gottes berufen. Dies wird häufig falsch ausgelegt als grenzüberschreitende Aufweichung und Verwischung christlicher Prinzipien und Grundwerte. Tatsächlich ist er aber weit davon entfernt, ein Opfer der „Verweltlichung“ zu werden, oder in Gefahr, Klerus und Volk in die falsche Richtung zu führen. Seine Sprache ist aufrüttelnd und anregend aber nicht irreführend. Wenn er vom Stallgeruch spricht, den die Arbeiter im pastoralen Dienst haben sollen, dann ist das nichts anderes als die Nähe zu den Menschen, die sich in Not und physischem und spirituellem Elend befinden oder sich in Bereiche jenseits der moralischen Grenzen verlaufen haben. Es geht darum, die Menschen dort abzuholen, wohin sie sich verirrt haben. Damit ist das christlich-katholische Grenzbewusstsein nicht verloren gegangen, wohl aber das Bewusstsein geweckt worden, dass es der göttlichen Barmherzigkeit bedarf und einer übermenschlichen Kraft und Weisheit, um die Menschen von dort zurückzuholen. Im Kreuz Christi ist diese Weisheit, Kraft und Liebe verborgen, und nur in seiner Nachfolge wird sie aktiviert. 

Wie ernst die Lage sein kann und wie groß die Versuchung, am Kreuz vorbei eine Lösung der Probleme zu suchen, wird aus der harten Auseinandersetzung Jesu mit Petrus, die dem Wort Jesu vom Ernst der Nachfolge vorausgeht, erkennbar. Jesus weist in drastischen Worten auf die Gefahr hin, bei der alles entscheidenden Wahl zwischen Gewinn und Verlust die falsche Entscheidung zu treffen und sich für die „Welt“ zu entscheiden – der griechische Text gebraucht das Wort „Kosmos“, das hier steht für alles, was unter der Vorstellung von Macht, Besitz und Vergnügen dem Menschen erreichbar erscheint. Was von Seiten des Simon Petrus als freundschaftlicher Hinweis gemeint war, wird von Jesus als „satanisch“ abgewiesen, weil es sich für Jesus als Falle erweist, die seine gesamte Mission ad absurdum führen könnte. „Gleicht euch nicht dieser Welt an!“ sagt Paulus im Römerbrief, aus dem wir heute einen Abschnitt gehört haben. Das christliche Denken bedarf der ständigen Überprüfung, der Erneuerung und des Wandels auf dem Weg der Nachfolge.  

Wie klug und vorsichtig die Kirche mit der ihr übertragenen Autorität und Führungsrolle in der Interpretation und Vermittlung der offenbarten Wahrheit und in der Durchführung ihres Auftrags der Verkündigung der Frohbotschaft in einer Welt voller Widersprüche vorzugehen hat, wird uns erschreckend deutlich in der steigenden Zahl derer, die der Kirche und dem Glauben den Rücken kehren. Ein Interview, das kürzlich der Kinderbuchautor und Schriftstellers Horst Eckert alias Janosch gab, war in einem Wort so zusammengefasst: „Vergessen möchte ich alles, was ich über den Katholizismus weiß.“ Er habe lange am katholischen Christentum herum studiert, sagt er. Er habe alles wissen wollen, weil er sich entsetzlich vor Gott und seiner Hölle gefürchtet habe. Er halte die gesamte Kirchengeschichte für ein 2000 Jahre andauerndes Verbrechen. Und dann kommen die üblichen negativen Klischees, die zu einem vernichtenden Urteil über die Kirche und den christlichen Glauben führen. Janoschs Kindheit war geprägt von Hass, Prügeleien, Verspottung, Saufen, und Schlägereien von Seiten seines Vaters. Seine Mutter sei nicht intelligent genug gewesen, um ein Kind zu behandeln. Der Kontakt mit der Kirche konnte offenbar nichts an seiner Verbitterung ändern, sondern hat seine Abneigung nur noch vertieft.  

Jedes Menschen Lebensweg ist ein Geheimnis voller positiver und negativer Erfahrungen. In der Annahme dieses Schicksals können auf dem steinigen und doch befreienden Weg der Nachfolge Christi alle Erlebnisse, positive und „negative“ aus der Kraft des Kreuzes zu Aufbausteinen einer gelungenen Lebensgestaltung werden. Die Entscheidung bleibt eine freie Tat des Menschen auf die rhetor. Frage Jesu am Ende des Dialogs: „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber dabei seine Seele/Leben einbüßt.“ Bei einer Entscheidung für den Weg Jesu sind offenbar drei Dinge von konstitutiver Bedeutung: der Wille Gottes, das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus und die konkrete Nachfolge verbunden mit dem Verzicht auf alles, was die Verbindung mit Christus gefährdet. Was der Jünger verlieren würde ist das, was dem Menschen Leben, Sinn und Zukunft schenkt – im Urtext wird es mit „Psyche“ wiedergegeben. 


P. Anton Weber SVD

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