Predigtimpuls
Gott steht auf unserer Seite!
1. Lesung: Jer 20,10-13
2. Lesung: Röm 5,12-15
Evangelium: Mt 10,26-33
Wann haben Sie das letzte Mal gegen etwas protestiert? Ja, das Evangelium von heute fordert uns zum Protest auf, wenn etwas nicht so läuft, wie es soll. Natürlich ist das auch eine Charakterfrage: Dem einen fällt es leichter als dem anderen, gegen die Position eines Menschen aufzustehen und den eigenen Standpunkt zu behaupten. Ich habe den Eindruck, dass diese Kultur allgemein in der christlichen Erziehung zu kurz kommt. Es geht ja als Christ nicht bloß darum, die Weisungen der Hierarchie mit untertänigem Gehorsam zu akzeptieren und ansonsten lieb und nett zu sein. Jesus ist sehr oft in die Auseinandersetzung gegangen, mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, mit dem Synagogenvorsteher, mit den Händlern im Tempel, mit den Aposteln, die ihn missverstanden haben, usw. Er hat debattiert und gestritten, wo es um wichtige Fragen wie das Leben oder das Verständnis von Gott ging. Er hat Menschen den Spiegel vorgehalten, die sich selbst als rein und makellos angesehen haben; erinnern wir uns an die Geschichte mit der Ehebrecherin.
Und Jesus hat sich am Ende durchgerungen, in den großen Konflikt mit den Autoritäten von Religion und Politik zu gehen, auch wenn er wusste, dass er diese Auseinandersetzung nicht gewinnen würde. Zumindest aufs Äußere besehen, denn die Liebe hatte ja doch das letzte Wort bekommen. Von seinen Gegnern wissen wir heute nichts mehr oder kennen vielleicht noch gerade einen Namen. Die Menschheit nachhaltig geprägt und verändert aber, das hat Jesus allein geschafft, Jesus, den die Autoritäten meinten mundtot gemacht zu haben.
Jesus will uns heute Mut machen, Auseinandersetzung zu wagen. Ja, das kann uns Probleme einbringen, das kann andere Menschen ungehalten werden lassen, das kann zu Hass und Verleumdung führen, aber es kann auch zu einer größeren Aufmerksamkeit füreinander führen. Die Furcht vor Konsequenzen sollte keine Berechtigung dafür sein, es einfach bei dem zu belassen, wie es ist.
Vielleicht kennen Sie diese Geschichte:
Ein älteres Ehepaar feierte nach langen Ehejahren das Fest der Goldenen Hochzeit. Beim gemeinsamen Frühstück dachte die Frau: Seit fünfzig Jahren habe ich immer auf meinen Mann Rücksicht genommen und ihm das knusprige Oberteil des Brötchens gegeben. Heute will ich mir endlich einmal diesen Leckerbissen gönnen.
Sie schmierte sich das Oberteil des Brötchens und gab den unteren Teil ihrem Mann. Entgegen ihrer Erwartung war dieser hocherfreut, küsste ihre Hand und sagte: „Mein Liebling, du bereitest mir die größte Freude des Tages. Über fünfzig Jahre habe ich das Brötchen-Unterteil nicht mehr gegessen, das ich am allerliebsten mag. Ich dachte mir immer, du sollst es haben, weil es dir so gut schmeckt.“ (Verfasser unbekannt)
Wir müssen davon ausgehen, dass wir im Umgang mit Menschen ganz oft von unserem eigenen Vorverständnis ausgehen und glauben zu verstehen, wie und warum der andere sich so verhält. Die Wahrheit sieht aber oft ganz anders aus. Die können wir aber nur herausfinden, wenn wir den anderen fragen und ihm damit die Möglichkeit geben, seine Sicht darzulegen. Das Paar hätte viel früher herausfinden können, wer nun wirklich die obere oder die untere Brötchenhälfte lieber isst.
Ich habe mit der Zeit gelernt, dass Konflikte eine große Bereicherung in der Beziehung sein können. Geben wir es doch zu, dass sehr viel in unserem Leben Routine und Gewohnheit ist und dass wir auch dafür sorgen, dass wir möglichst ohne große Mühe durch den Tag kommen. Aber damit fördern wir die Oberfläche und vermeiden die Tiefe. Tritt nun ein Konflikt auf, wird die Routine jäh unterbrochen und wir müssen uns entscheiden: wollen wir verdrängen, um die Oberfläche zu erhalten, oder haben wir den Mut, uns dem Konflikt zu stellen?
Ein Konflikt entsteht immer dann, wenn unterschiedliche Bedürfnisse aufeinandertreffen. Was ich gelernt habe, wenn ich mich dem Konflikt stelle, ist, dass es immer eine Chance ist, den anderen besser zu verstehen und neu kennenzulernen. In der Zeit nach einem Konfliktgespräch spüre ich stets von beiden Seiten eine größere Achtsamkeit und Verbundenheit, und das ist ein Geschenk.
Was ich natürlich brauche, um einen Konflikt auszutragen, ist ein gewisses Standvermögen. Ich werde mich eher einer Auseinandersetzung stellen, wenn ich weiß, dass ich in allem getragen bin von einem größeren Ja zu meiner Person. Dann kann ich eingestehen, dass ich Fehler gemacht oder Schuld auf mich geladen habe, wenn ich weiß, dass das nicht an meiner Würde kratzt, sondern, dass es mein Verhalten betrifft, das ich ja ändern kann. Die Entkoppelung von Person und Verhalten ist hier ganz wichtig. Wenn jemand mit mir in einen Konflikt geht, dann kann ich das auch als eine Art Wertschätzung betrachten. Ich bin es dem anderen wert, dass er sich mit mir auseinandersetzt. Vielleicht lässt mich das ruhiger und gelassener bleiben, so dass ich hören kann, was wirklich das Bedürfnis des anderen ist und wie ich durch ein verändertes Verhalten darauf eingehen kann.
Und dann gibt es natürlich die gesellschaftliche Ebene, wo es manchmal nötig ist, seine Stimme zu erheben. Durch einen Leserbrief, mit der Teilnahme an einem Protestmarsch, bei der Stimmabgabe oder dem mutigen Aufstehen in einer Versammlung. Wir Christen sind z. B. viel zu leise und auch zu wenig entschlossen, wenn es darum geht, auf die dramatischen Folgen unseres Lebensstils hinzuweisen mit der Ausbeutung der Erde, dem Artensterben und der Klimaerwärmung.
Jesus sagt: „Fürchtet euch nicht vor den Menschen!“ Wenn wir die Furcht davor ablegen könnten, was andere über uns denken oder sagen, wie sie reagieren oder sich querstellen könnten, was wäre alles möglich? Das ist übrigens ein lohnendes Gedankenexperiment, das Sie auch zuhause durchspielen können. Nehmen Sie sich einmal eine halbe Stunde Zeit und stellen sich vor, Jesus würde sich so stärkend an Ihre Seite stellen, dass Sie vor nichts und niemand Angst haben müssten. Dann schreiben Sie auf, was Sie im Blick auf Ihr Leben, auf Gerechtigkeit und Wahrheit vielleicht schon lange tun wollten. Wo sehen Sie ein dringendes Bedürfnis, von dem Sie sich bisher durch tausend Gründe haben abhalten lassen? Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf, und lassen Sie kommen, was Sie in Ihrem Herzen erspüren.
Und dann machen Sie sich bewusst: Das ist die Wirklichkeit, die uns die Erlösung in Jesus schenkt. Wir brauchen mit ihm keine Angst mehr zu haben, denn er ist ja wirklich an unserer Seite und es kann uns nichts passieren. Seine Liebe wird immer siegen.
Dann nehmen Sie sich eins nach dem anderen von den notierten Themen vor, beten zu Jesus um Mut und setzen Sie es mit Entschiedenheit um. Sie werden spüren, welche Kraft das für Ihr Leben und das vieler anderer entfaltet. Jesus sagt, und das formuliere ich jetzt einmal frei: „Ich kenne dich im Tiefsten, bin dir ganz verbunden und nah. Gott ist Herr über alles, auch über die Menschen. Er sorgt für dich. Hab Vertrauen und stehe zur Wahrheit, auch wenn es unbequem wird! Ich stehe das mit dir durch!“
In dem Film „Big Fish“ von Tim Burton sehen drei Buben im Auge einer Hexe die Weise, wie jeder von ihnen einmal sterben wird. Das macht einen von ihnen, Edward, in den Auseinandersetzungen seines Lebens viel mutiger, denn er kann sich immer wieder bewusst machen, dass er in der Gefahr, in der er gerade steckt, noch nicht sterben wird.
Auch wir dürfen viel mutiger sein, dürfen mehr Leben und Auseinandersetzung riskieren, denn Gott steht auf unserer Seite! Und wir werden nicht sterben, sondern ewig leben mit Ihm!