Predigtimpuls
Dein Glaube ist groß
1. Lesung: Jes 56,1.6-7
2. Lesung: Röm 11,13-15.29-32
Evangelium: Mt 15,21-28
Dein Glaube ist groß
Die Episode von der kanaanäischen Frau, die sich an den Herrn um Hilfe für ihre kranke Tochter wendet, muss für die Urkirche von faszinierender Bedeutung gewesen sein. Offenbar berührte die Geschichte eine Frage, bei der in den Anfängen des Christentums die Meinungen bezüglich der Zielgruppe für die Verkündigung von Jesu Heilsbotschaft auseinandergingen. An wen war die Verkündigung von Jesu Wort und Wirken gerichtet: zu allererst und ausschließlich an die Angehörigen des auserwählten Volkes, nämlich die Juden – oder auch an die Angehörigen anderer Ethnien? Es gab in der Predigt Jesu genügend Hinweise, welche das Erstere als nahliegend erscheinen ließen, so etwa auch seine Bemerkung im heutigen Evangelium über seine Sendung zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Und doch hatte in der frühchristlichen Gemeinde auch schon bald der Gedanke der Verkündigung der Frohbotschaft an andere Völker, ja überhaupt an die gesamte Menschheit viel Aufmerksamkeit und Zustimmung gefunden.
Ein laut sprechendes Zeugnis für die Völkermission war die Missionsarbeit des heiligen Paulus, der sich dafür als vom Herrn geradezu berufen wusste, den Heiden die frohe Botschaft von der Rettung des Menschen durch die Erlösungstat Jesu Christi zu vermitteln. Heute hörten wir aus seinem Brief an die Gemeinde von Rom, die er vorhatte, bald zu besuchen, heraus, wie ihm beides sehr an Herzen lag: die Völkermission und die Bekehrung der Juden. Aber angesichts der Tatsache, dass das offizielle Judentum sich zu seiner Zeit dem Gedanken, dass Jesus von Nazareth als der im Alten Testament angekündigte Messias und Erlöser anerkannt werden soll, ziemlich ablehnend gegenüberstand, blieb der Schwerpunkt seiner Verkündigung vorläufig auf all jene Menschen ausgerichtet, die sich dafür offen zeigten, und dies ohne Ansehen der Person oder der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk. Er formuliert den Gedanken ziemlich drastisch, wenn er sagt: Wenn schon der Unglaube der Juden und damit ihre Verwerfung den Heiden Glauben und Versöhnung bringt, wie viel mehr wird dann erst deren Bekehrung und Annahme zu einer Quelle des Lebens aus dem Tode werden. Seine Predigt an die Gemeinde in Rom ist getragen von der Hoffnung, dass auch das Judentum sich eines Tages dem Heilsgeschehen in Jesus Christus zuwenden wird.
Wie treffend passt da zu diesen Überlegungen die Episode, von der das heutige Evangelium berichtet, mit seiner Schlussfolgerung aus dem Munde Jesu: „Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen.“ Jesus bring unmissverständlich zum Ausdruck, worauf es wirklich ankommt. Der Glaube an die Macht und Liebe Jesu, die dem Menschen Heilung zu schenken vermag, und die unverwüstliche Liebe dieser kanaanäischen, nichtjüdischen Frau zu ihrem Kind, wirken zusammen, um dem Kind Heilung zu schenken. Glaube und Liebe setzen Kräfte frei, welche Sperrzonen und Hindernisse überwinden und mit Tabus brechen. Sie legen den Weg zu Gott und seinem Wirken frei, das den Menschen aus der Macht des Bösen retten kann. Dass die Frau Jesus mit „Sohn Davids“ anspricht, erweist sie als äußerst klug, schließt sie sich damit doch der Glaubenstradition des jüdischen Volkes an, das einen Messias und Heilbringer erwartet. Sie erkennt in Jesus diesen Heilbringer.
Wir wissen nicht, welche religiösen Erfahrungen diese Frau im Verlaufe ihres Lebens gemacht hat und wie weit sie mit den Riten Kanaans vertraut war. Was mag sie schon alles versucht haben, um für ihre Tochter Heilung zu finden? Der Text spricht von einem Dämon, der von dem Kind Besitz ergriffen hatte. Die Vorstellung, dass Dämonen von einem Menschen Besitz ergreifen und ihn völlig vereinnahmen können, war damals sehr verbreitet und zeigt, in welch trauriger Lage sich die Menschen befanden, die sich solchen Mächten hilflos ausgeliefert sahen. Auch viele Krankheiten, vor allem psychisch krankhaftes Verhalten, wurden auf den Einfluss von Dämonen zurückgeführt. Das konsequente und resolute Verhalten der Frau angesichts der Hindernisse und ihr von Klugheit und Demut bestimmter Ton in ihrem Dialog mit Jesus, zeugen von echtem Vertrauen. Ihre Worte sind Bitte und Gebet zugleich. Echt und wirksam ist ein Gebet dann, wenn Glaube, Liebe und Demut sich zu einem einzigen Motiv vereinen, um sich vertrauensvoll an Gott zu wenden. Der Dialog mit Jesus wird dann auch zu einer wirklichen Prüfung für die Echtheit und Ausdauer des Gebetes dieser Frau, die selbst Jesus in Erstaunen setzen.
„Dein Glaube ist groß! Was du willst, soll geschehen!“ - Das Wort Jesu wird zur Sternstunde im Leben dieser Frau, es bedeutet den Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt. Für Jesus selbst wird die Begegnung mit dieser heidnischen Frau zu einem ermutigenden Ereignis und zu einer Herausforderung zugleich. Er weiß sich für die „verlorenen Schafe Israels“ verantwortlich. Erst über die Bekehrung Israels sollte die große Rückkehr der Völker zum wahren Gott geschehen, wie sie der Prophet Jesaia in seinen Visionen angedeutet hat. Es war eine der schmerzlichsten Erfahrungen Jesu, dass sein eigenes Volk in seiner Gesamtheit die Umkehr nicht vollzogen hat, ja dass es ihn als Messias ablehnte. Man erinnert sich an die erschütternde Stelle, wo das Evangelium berichtet, wie Jesus einmal im Anblick Jerusalems weinte und sagte: „Wenn doch auch du den Tag deines Heils erkannt hättest und wüsstest, was dir zum Frieden dient! Du hast die Zeit der Gnade nicht erkannt.“ Umso größer ist Jesu Verwunderung über den Glauben und das Vertrauen, das Menschen, die aus einer heidnischen Umwelt kommen, ihm wiederholt entgegenbringen. Mehr und mehr bildete sich in Jesus die Überzeugung, dass seine Botschaft von Gerechtigkeit, Frieden und wahrer Freiheit nicht auf Israel beschränkt bleiben durfte, sondern dass die Zeit bereits gekommen ist, wo sie auch auf den Glauben und die Hoffnung der Völker eine Antwort schuldig war.
Für jeden Hörer der heutigen Botschaft wird diese zu einem Aufruf zu Wachsamkeit und Umkehr. Und dieser Ruf sollte nicht erst Beachtung finden, wenn die Krise ihren Höhepunkt erreicht hat und menschliche Macht und Weisheit sich als wirkungslos erweisen. Dann kann es nämlich geschehen, dass der Mensch in seiner Verzweiflung nach dem letzten Strohhalm greift und dabei vielleicht schon gar nicht mehr zu unterscheiden vermag zwischen Glauben, Unglauben und Aberglauben.
Die Frau aus Kanaan wusste, worauf es ankommt: Was Heil und Rettung bringt, muss von Gott kommen. Es mögen lediglich „Brosamen“ sein, aber wenn sie von Gott kommen, schenken auch diese Leben und Heilung.