23. Sonntag im Jahreskreis (A)

Predigtimpuls

„Gott versöhnt dieses missratene Geschöpf mit sich“

1. Lesung: Ez 33,7-9
2. Lesung: Röm 13,8-10
Evangelium: Mt 18,15-20

Im Dienst der Versöhnung
Ein Religionslehrer in der Berufsschule wollte das Thema Schuld angehen. Zuerst vergewisserte er sich, was seine Klassen darunter verstehen. „Schuldig ist, wer so blöd war, sich erwischen zu lassen“, war der allgemeine Tenor. Von persönlicher Verantwortung für Fehlverhalten, gar von Schuldgefühl gegenüber Gott, keine Spur. Spricht man jemanden auf sein Fehlverhalten an, „kriegt man einen auf die Fresse.“ Schließlich geht dich nichts an, was ich mache. Ich kümmere mich ja auch nicht um das, was du machst. Solange du mir nicht in die Quere kommst, kannst du machen, was du willst. Permissive (alles erlaubende) Gesellschaft heißt das in der Sozialwissenschaft.

Solche Quertreiber hat es immer gegeben. Auch in den frühchristlichen Gemeinden gab es solche Typen, die sich Gemeinschaft zersetzend verhielten. Man musste eine Prozedur entwickeln, wie sie das heutige Evangelium beschreibt. Man musste mit gelben und roten Karten arbeiten. Im Extremfall war man aus der Heilsgemeinschaft ausgeschlossen.

Sorglosigkeit um das ewige Heil
Das war damals das Schlimmste, was einem passieren konnte. Heute ist das anders. Die Sorge um das ewige Heil ist kein Thema mehr. Austritt aus der Kirche liegt im Trend und ist sehr einfach. Ein Klick auf der PC-Tastatur bei der Steuererklärung und man ist draußen. Das Finanzamt informiert das Pfarramt.
In dieser seichten Gläubigkeit kann kein menschenwürdiges Schuldbewusstsein bestehen. Was kümmern mich deine Gefühle, wenn ich dich heruntergemacht und deinen Ruf zerstört habe? Was geht mich der kranke oder behinderte Nachbar an? Ich tu doch nichts Strafbares, wenn ich Gutgläubigkeit und Hilfsbereitschaft ausnütze! Ich will meine Freiheit, will rauchen, trinken, lärmen und mich breitmachen. Möglicherweise hetzen gegen Fremde, Flüchtlinge, Mitbürger dunkler Hautfarbe.

arf man da einfach wegschauen? Das Evangelium erwartet offensichtlich, dass man einen solchen Sünder zur Rede stellt, zumindest solange er sich noch zur Kirche rechnet. Wer sich so verhält, „sondert“ sich aus, wird zum „Sünder“.

Unermüdlichkeit mit Gottes Unterstützung
Das Evangelium setzt voraus, dass man solches Fehlverhalten nicht einfach hinnimmt. (Ähnlich wie in Coronazeiten einer ohne Maske im Zug Strafe zahlt und aussteigen muss.) Aber auch nicht einfach drauflos verurteilen, sondern erst unter vier Augen ansprechen. Bei einem hartnäckigen Sünder ist sofortiger Erfolg sehr unwahrscheinlich. Daher erwartet das Evangelium, dass man nicht so schnell aufgibt, sondern sich um den „Sonderling“ weiter bemüht, sich dazu Rat und Hilfe holt.

iel muss sein nicht die Verurteilung und Trennung, sondern die Versöhnung, ein „Prozess“, der aus Menschenvermögen alleine nicht gelingt, sondern von Gottes Interesse getragen ist. Der Dienst der Versöhnung ist Kernauftrag der Gemeinschaft, die sich in Christus verbunden weiß. In ihrem Kerngebet, dem Vaterunser, bittet diese Gemeinschaft: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“.

as ist nicht die verschrobene Sonderwelt der Frömmler, sondern das wahre Selbstbewusstsein des Menschen, der schwach und fehlbar bleibt, auch wenn er begnadet ist. Das zum Gebet gewordene Schuldbewusstsein ist die Grundvoraussetzung für die Humanisierung der Welt. Diese Grundhaltung kann sich auf göttliche Unterstützung verlassen: „Was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten.“ Diese Grundhaltung ist mit göttlicher Vollmacht ausgestattet: „Alles, was ihr auf Erden binden werdet, wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, wird auch im Himmel gelöst sein.“ In der Sorge um das Heil des Bruders und der Schwester, nicht aus richterlicher Selbstgerechtigkeit, sondern aus dem Bewusstsein der eigenen Gefährdung, zu versagen und zu sündigen, ist Gott am Werk.

 

P. Dr. Gerd Birk SVD

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