Predigtimpuls
Geduld mit den Menschen und Geduld mit Gott haben
1. Lesung: Weish 12,13.16-19
2. Lesung: Röm 8,26-27
Evangelium: Mt 13,24-43
Alles muss schnell gehen, am besten jetzt und gleich
„Herr, schenke mir Geduld – aber jetzt gleich!“ – so die Bitte eines Menschen, der weder Geduld mit sich, mit anderen und auch nicht mit Gott hat. Ich denke, das ist auch unsere Erfahrung. Wir meinen, wir wüssten, wie es gehen muss, oder wie es gemacht werden muss. Denn wir haben ja schließlich auch unsere Erfahrungen gemacht – gute und schlechte. Die anderen können davon nur lernen! Aber, Hand aufs Herz! Haben wir aus unseren eigenen Erfahrungen gelernt? Gibt es in der Geschichte nicht unzählige Beispiele dafür, dass wir Menschen nichts oder nur wenig aus der Geschichte, aus der Erfahrung lernen? Gottes Mühlen mahlen langsam, heißt es. Aber oft geht uns das nicht schnell genug. Gerade in schwierigen (Kriegs)Situationen brauchen wir eine schnelle Lösung; müsste Gott doch von oben eingreifen und eine Lösung der bestehenden Konflikte herbeiführen. Gott aber hat uns doch den Verstand gegeben und die Freiheit, diese zu gebrauchen zum Wohl aller Menschen und seiner Schöpfung. Wir aber schauen oft nur auf uns, auf unseren Vorteil. Dabei übersehen wir, dass wir nicht alles überschauen können; nicht den notwendigen Überblick haben, um das Ganze zu beurteilen. Ja, wir überschätzen uns selbst mit unseren Möglichkeiten und Fähigkeiten.
Mit der Möglichkeit rechnen, dass wir Fehler machen
Wir blenden aus, dass der Fehler vielleicht bei uns liegt; oder dass wir nach Alternativen suchen müssen; dass wir nach Gründen suchen sollten, weshalb eine Situation so verfahren und scheinbar unlösbar ist. Das habe ich oft bei Eheleuten oder Lebenspartnern erfahren, wo die ganze Schuld dem Partner angelastet wird. Es erscheint mir hilfreich, dass wir nicht so schnell von „Schuld“ sprechen sollten – also moralisch werten -, sondern davon, worin die „Ursache“ für die verfahrene Situation liegen könnte. Habe ich meine Augen verschlossen und wollte nicht wahrhaben, dass sich so langsam ein Problem aufbaut; dass der Partner (oder ich) überfordert ist, allein eine Lösung zu finden? Und dann werfen wir allzu oft und schnell die Flinte ins Korn – gehen weg – und suchen uns einen neuen, vermeintlich „besseren“ Partner – uns selbst aber nehmen wir dabei zu wenig in den Blick. Jeder nimmt sich immer in die neue Verbindung mit – mit seinen guten, aber auch kritischen und problematischen Seiten.
Die Gefahr des Besserwissenden
Solange ich selbst davon überzeugt bin, dass ich allein recht habe, hat der andere keine Chance. Ich mache mir keine Mühe, den anderen zu verstehen oder die Situation mit seinen Augen zu sehen, mich empathisch in die Situation des anderen zu begeben. Das gilt sowohl für den persönlichen als auch für den öffentlichen Bereich. Wer sich nur von sogenannten Erfahrungen („die…. sind doch immer schon schlecht gewesen… die ändern sich nie… denen kannst du nicht trauen…“) leiten lässt, der tappt selbst in die Falle und gibt sich und anderen keine Chance, neue Erfahrungen zu machen und neue Schritte der Verständigung und der Begegnung zu tun.
Geduld haben mit sich selbst und mit anderen
Beim Thema Geduld wird deutlich, dass man oft viel Geduld von anderen erwartet, selbst aber wenig geduldig ist. Es geht doch darum, dem anderen Raum zu geben, ihm nicht alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumen, ihm Zeit zu lassen. Ja, ich kann den anderen durch mein Drängen und meine durchaus gutgemeinten Vorschläge kleiner und schwächer machen, als er ist. Das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen zeigt die andere Dimension auf: die Gelassenheit. Gott kann warten. Für ihn sind schnelle und unüberlegte Aktionen nicht das Richtige.
Das Buch “Geduld mit Gott” von Tomáš Halík handelt von der Geschichte des Zachäus und wie sie heute interpretiert werden kann. Der Autor kennt die Erfahrung der Abwesenheit Gottes, aber er schließt daraus nicht, dass es Gott gar nicht gibt. Er hat Geduld mit Gott, weil er Gott die Freiheit des Geheimnisses lässt. Wir kommen erst gar nicht darauf, dass Wachsen-Lassen etwas mit dem Geheimnis des Lebens zu tun haben könnte. Hier liegt meines Erachtens der Schlüssel des Verständnisses: Solange wir meinen, Gott ganz genau zu kennen, ihn beschreiben und definieren zu können, sind wir auf dem Holzweg. Gott lässt sich nicht voll in die Karten schauen – und so sind und bleiben auch sein Schöpfungsplan bzw. seine Vorsehung für uns Menschen verborgen, ein Geheimnis. Gott fordert uns auf, mit unseren Zweifeln zu leben, sie in uns zu tragen und zuzulassen, dass sie uns zur Reife führen. Wer sich dagegen wehrt, bleibt auf der Strecke, kommt nicht weiter. Wer glaubt, muss große Geduld haben, denn angesichts von Gottes Schweigen sind Glaube, Hoffnung und Liebe die drei Aspekte von Geduld. Heute scheint Geduld aber nicht mehr angesagt. Alles muss sofort geschehen, sofort verfügbar sein. Das widerspricht wesentlich der Haltung eines Menschen, der auf Gott, seine Liebe und Sorge, für uns Menschen vertraut. Würde Gott so handeln wie wir Menschen, dann würde er nicht seiner Barmherzigkeit entsprechend Geduld mit uns haben, sondern – nach vielen negativen Erfahrungen und Handeln (Sünde) mit uns – uns mit Stumpf und Stiel vernichten, denn wir hätten es nicht anders verdient.
Heruntersteigen
Was könnte das für uns bedeuten, herunterzusteigen von unseren vorgefertigten Sichtweisen und Lösungen für die Geschicke der Menschen? Wie sähe unsere Welt aus, wenn wir sie mehr mit den Augen Jesu oder Gottes sähen? Wenn wir uns in Geduld übten, ohne alles laufen zu lassen, aber Gott und seiner Gegenwart unter uns mehr zutrauten? Unter den Heiligen finden wir solche Menschen. Schauen wir auf sie, die uns menschlich nahe sind – und haben wir Geduld mit uns, mit den anderen und mit Gott.