22. Sonntag im Jahreskreis (A)

Predigtimpuls

Kreuzweg für alle

1. Lesung: Jer 20,7-9
2. Lesung: Röm 12,1-2
Evangelium: Mt 16,21-27

Im Evangelium heute kündet Jesus seinen Jüngern sein bevorstehendes Leiden an. Er gibt damit keine nebensächliche Privatinformation über seine Person, sondern macht eine entscheidende Aussage über sein Amt als Messias. Ein paar Verse vorher steht nämlich die inspirierte Aussage des Petrus zur Person Jesu: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes (Mt 16,16). Zu dieser jüdischen Darstellung des Messias kommt die unerlässliche christliche Ergänzung, wonach der Messias entgegen aller jüdischen Erwartung den Weg des Leidens und gewaltsame Sterbens gehen muss.
Matthäus bringt in seinem Evangelium vier Leidensankündigungen aus Jesu Mund. Die erste davon haben wir heute gehört. In den beiden ersten Ankündigungen spricht Jesus von Tötung (Mt 16,21;17,23), in den beiden letzten erwähnt er auch und ausdrücklich die Kreuzigung (Mt 20,19; 26,2).
Wie sehr dem damaligen jüdischen Denken ein leidender und getöteter Messias fremd war, erhellt sich aus der Reaktion des Petrus auf Jesu Leidens- und Sterbensankündigung: Er nahm ihn beiseite und machte ihm Vorwürfe – als ob Jesus etwas Ungeheuerliches und Törichtes gesagt hätte. Und Jesus weist den Petrus hart zurück: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! – Dann spricht er vom Kreuz im übertragenen Sinn. Er spricht vom Lebenskreuz, das jeder tragen muss, der zu ihm gehören und in seiner Nachfolge stehen will: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. ­
Das Kreuz ist Jahrtausende älter als unser gekreuzigter Christus. Von seinem Ursprung her ist es kein christliches, sondern ein kosmisches Zeichen, ein Weltall­ Zeichen, eine geheimnisvolle Rune im Gewebe der Materie und im Geflecht des Lebens. Es zeichnet sich schon ab in der Frühzeit des menschlichen Bewusstseins, es hat seinen Platz bei Naturvölkern und Kulturvölkern und macht seine Geschichte in religiöser Verehrung und in sach-profaner Verwendung. Das Kreuz ist Symbol für Himmel und Erde, Sonne und Gott, für Glück, Fülle und Fruchtbarkeit; es versinnbildlicht Paradiesesschlüssel. Lebensbaum und Himmelsleiter; es hat seinen Platz als Sinnzeichen in der Bilderschrift und als Buchstabe im Alphabet. Für die menschliche Hand ist das Kreuz eine Urform von Werkzeug und Waffe – von Hammer und Pickel bis zum Schwert: für den menschlichen Geist ist das Kreuz Merkzeichen und Richtungsweiser – vom Wegweiser an der Wegkreuzung bis zur Windrose im Kompass, vom Koordinatenkreuz in der Mathematik bis zum Fadenkreuz im Zielfernrohr. Göttlich verehrt und magisch gefürchtet, wurde es gottlos und ehrfurchtslos instrumentalisiert als Hinrichtungswerkzeug.
Unter dieser Gegebenheit ist vor rund 2000 Jahren von der damaligen römischen Besatzungsmacht im Judenland auch Jesus von Nazareth zu Tode gebracht worden. Römer selber bezeichneten die Kreuzigungspraxis als die grausamste und widerlichste Hinrichtung. Das Kreuz – eine Hinrichtungsart- war auch damals schon eine Redensart für erschwertes, peinvoll ausrinnendes Leben. Der zum Kreuzestod Verurteilte trug seinen Kreuzesbalken zur Richtstätte – daher das Wort vom Kreuztragen sowohl im buchstäblichen Sinn – den Hinrichtungs-Kreuzesbalken tragen – als auch im übertragenen Sinn – das eigene Lebenskreuz tragen. Vom Tragen dieses Lebenskreuzes spricht Jesus im Anschluss an seine Leidensankündigung unmissverständlich zu seinen Jünger: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denselben Aufruf zur Kreuzesnachfolge, etwas anders formuliert, hat Matthäus noch einmal in seinem Evangelium: Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig (Mt 10,38).
Der Christ soll zuerst und bereitwillig sein eigenes Kreuz tragen, nicht theatralisch ein fremdes. Gewiss soll einer des andern Last tragen (Gal 6,29), wie Paulus an die Galater-Gemeinde schreibt, aber das soll kein Vorwand sein, das eigene Kreuz liegen zu lassen. Dieses persönliche Lebenskreuz kann sich der einzelne nicht aussuchen, wie das Kruzifix für den Herrgottswinkel und das Kreuzlein am Hals. Und dennoch hat der einzelne sein Lebenskreuz vielfach und weitgehend selber gezimmert. Wer mit fortschreitendem Alter nicht nur in Lebensjahre hinein, sondern auch aus Lebensdummheit und Selbstverhimmelung herauswächst, der sieht immer klarer, welche Kreuze er selbst aufgerichtet hat im eigenen Leben und im Leben anderer.
Ein Fehlverhalten – ich gebrauche diesen wohlwollend-wässerigen Ausdruck –, das der einzelne im Umgang mit sich selbst und anderen praktiziert, zeigt vielfach erst Wirkung nach Jahren oder Jahrzehnten: wenn die Gesundheit unheilbar geschädigt ist, wenn menschliche Beziehungen endgültig kaputt sind, wenn eine wirtschaftliche Situation unrettbar ruiniert ist. Viele bauen im Leben nicht nur ihr eigenes Haus, sondern zimmern gleichzeitig ihr eigenes Lebenskreuz. Nicht immer ist hier der böse Nachbar, das grausame Schicksal oder der liebe Gott am Werk.
Neben dem Lebenskreuz, das der einzelne augenscheinlich und handgreiflich selber zimmert, steht auch jenes Kreuz im Leben, von dem niemand sagen kann, woher es kommt und warum es gekommen ist. Hier öffnet sich die Frage nach dem Ursprung des Bösen, des Übels – eine Frage im letzten ohne Durchblick: Von Gott sagt uns die Schrift: Er wohnt im unzugänglichen Licht (1Tim 6,16); vom Bösen gilt für unser Verständnis: Es wohnt in unzugänglicher Finsternis.
Bei manchen Veranstaltungen ist das Tragen von Frack und Krawatte verpflichtend. Für die Zugehörigkeit zu Christus ist das Tragen des Lebenskreuzes verpflichtend. Christus bittet, beschwört und verhandelt nicht in dieser Sache – er lässt nur wissen: Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig (Mt 10,38) - Wer ohne Kreuz bei ihm aufkreuzen will, wird überhaupt nicht vorgelassen. Christus verlangt von allen, die zu ihm gehören, in seiner Nachfolge stehen und seinen Namen tragen wollen, kennzeichnende Verhaltensweisen: Fürchtet euch nicht! (Mt 10,28) - in dieser Welt und vor dieser Welt. Sorgt euch nicht ängstlich! (Mt 6,25ff) - um Leben und Überleben, Essen und Kleidung, Einkommen und Auskommen, Fortkommen und Durchkommen in dieser Welt. Liebet einander! (Joh 15,17) – mit einem Wohlwollen, das den Feind einschließt und zum steten Verzeihen bereit ist. Tragt täglich euer Lebenskreuz! – das selbstgezimmerte wie auch das nicht­ verschuldete, das über euch gekommen ist wie eine Lawine, die man selber nicht ausgelöst hat und nicht voraussehen konnte.
Täglich sein Kreuz tragen, heißt aber nicht, ein Lebensmuffel, ein Kümmerling sein. Das war auch der als Schlemmer und Säufer (Lk 7,34) verschrieene Christus nicht. Auch für den christlichen Kreuzträger gilt: Wer nichts genießt, wird ungenießbar – ungenießbar für Mensch und Gott: Wer sein Kreuz nicht tragen will, wird unerträglich für seine Mitmenschen – das wissen wir aus Erfahrung, und er wird untragbar für Gott – das wissen wir aus der Bibel. Wer sein Lebenskreuz trägt, wird leichter und gerne ertragen von seinen Mitmenschen, und er ist getragen von Gott.
Der christliche Kreuzträger ist wie der zeitgenössische Drachenflieger. Der Drachenflieger nimmt sein Drachenkreuz auf sich wie ein Behinderter, er lässt sich in die Tiefe fallen und wird von Drachenkreuz und Aufwind aus der Tiefe emporgetragen. Der christliche Kreuzträger nimmt sein Lebenskreuz auf sich und lässt sich mit ihm in jene Tiefe fallen, die zugleich Kraft aus der Höhe ist und in die Höhe trägt. Es ist der Aufwind Gottes, der den Kreuzträger zum Himmelsflieger macht. AMEN!

[Anmerkung der Redaktion: Die von P. Raiml verfasste Predigt wurde bereits veröffentlicht in: DIE ANREGUNG, Nettetal 1996; S. 343ff]

P. Georg Raiml SVD

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