Predigtimpuls
Liebe will ich, nicht Schlachtopfer, Gotteserkenntnis statt Brandopfer!
1. Lesung: Hos 6, 3-6
2. Lesung: Röm 4, 18-25
Evangelium: Mt 9, 9-13
In der Alten Welt war Religion gleichbedeutend mit Opferkult. Das gilt für alle Völker: für die indianischen Hochkulturen in Amerika, für die alten Griechen und Römer, für die Ägypter, für die Völker Mesopotamiens, für die alten Inder und Chinesen. Das galt auch für das Alte Israel. Die religiöse Handlung schlechthin war, den Gottheiten Opfer darbringen: in erster Linie Tieropfer, aber auch Speiseopfer, mitunter sogar Menschenopfer.
Hinter den Opfern standen verschiedene Vorstellungen: Einmal die, dass die Menschen dazu da sind, die Götter zu ernähren. Die Götter führen ein Leben in Muße, die Menschen müssen arbeiten, um sich und die Götter zu ernähren. Dann gab es die Vorstellung, dass die Opfer die Götter gnädig stimmen. Der Rauch steigt vom Brandopferaltar auf in die Nase der Götter und ist ein Wohlgeruch für sie, der ihren Zorn besänftigt und sie gnädig stimmt. Am wichtigsten war die Vorstellung, dass die Opfer den Kosmos, die Ordnung der Welt aufrechterhalten. Die Opfer sorgen für den geordneten Ablauf der Natur: für den geregelten Rhythmus von Tag und Nacht, Sonnenaufgang und -untergang, für den geregelten Wechsel der Jahreszeiten von Frühling, Sommer, Herbst und Winter, für den geordneten Kreislauf von Aussaat und Ernte. Der Kosmos ist stets vom Chaos bedroht, das bezeugen die Naturkatastrophen, Überschwemmungen und Dürren, Erdbeben und Vulkanausbrüche. Um das Chaos zu bezwingen und die Ordnung der Natur aufrechtzuerhalten – dazu dient der Opferkult.
Ihr seht, diese Vorstellungen sind uns völlig fremd. Das ist eine Denkart, die in unseren Köpfen nicht mehr zuhause ist. Es ist, als hätten wir eine Gehirnwäsche durchgemacht. Nein, so scheint es nicht nur, so ist es auch. Wir haben eine Gehirnwäsche durchgemacht, wir nennen sie Geistesgeschichte. Die menschliche Geistesgeschichte ist dahin gegangen, dass jenes archaische Denken vollständig überwunden und durch ein anderes Denken ausgetauscht wurde.
Schuld an diesem Geisteswandel – zumindest für unseren Kulturraum – ist die Bibel. Die Bibel hat uns die Köpfe gewaschen und hat Religion, das, was Religion ihrem Wesen nach ausmacht, völlig neu definiert. Die heutigen atl Texte sind Zeugnisse, wie die Bibel gegen das archaische Denken angeht und durch ein neues Denken ersetzen will.
In Ps 50, den wir heute als Antwortpsalm gehört haben, heißt es:
Höre, mein Volk, ich rede. Israel, ich bin gegen dich Zeuge, Gott, dein Gott bin ich. Nicht wegen deiner Opfer rüge ich dich, deine Brandopfer sind mir immer vor Augen. Aus deinem Haus nehme ich keinen Stier an, keine Böcke aus deinen Hürden. Denn mir gehört alles Wild des Waldes, das Vieh auf den Bergen zu Tausenden. Ich kenne alle Vögel der Berge, was sich regt auf dem Feld, ist mein Eigen. Hätte ich Hunger, ich brauchte es dir nicht zu sagen, denn mein ist der Erdkreis und seine ganze Fülle. Soll ich denn das Fleisch von Stieren essen und das Blut von Böcken trinken? Bring Gott ein Opfer des Dankes und erfülle dem Höchsten deine Gelübde! Ruf mich am Tage der Not; dann rette ich dich und du wirst mich ehren.
Gott belehrt Israel, dass er die Opfer nicht braucht, um seinen Hunger zu stillen. Stattdessen will er „ein Opfer des Dankes/Lobes“. Gott will Gebete des Dankes und Lobes hören, und auch die braucht er nicht, weil er unbedingt beweihräuchert und bauchgepinselt werden will, sondern der Mensch braucht das als rechte Einstellung Gott gegenüber. Gott will rechte Gotteserkenntnis, und die drückt sich aus in Lob und Dank, weil er der Spender des Lebens und Geber alles Guten ist.
Merkt ihr, welch riesiger Geistesschritt da getan wird, weg von den Tieropfern hin zum Gebet und rechter Gotteserkenntnis als rechter Ausdruck von Religion?
In der heutigen atl. Lesung sagt der Prophet Hosea:
Lasst uns streben nach Erkenntnis, nach der Erkenntnis des HERRN. Eure Liebe ist wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der bald vergeht. Das soll heißen: Eure Liebe ist nicht beständig, sondern wankelmütig. Liebe will ich, nicht Schlachtopfer, Gotteserkenntnis statt Brandopfer!
Hört ihr, von welcher Geistesrevolution da die Rede ist? Gott verlangt nicht nach Opfern, sondern nach nichts weniger als nach beständiger Liebe. Gotteserkenntnis und Gottesliebe werden eingefordert.
Ich führe noch ein kurzes Zitat an. Der Prophet Jeremia spricht zum König Zidkija, den er wegen seines Prunkpalastes kritisiert, über dessen Vater Joschija: Dem Schwachen und Armen verhalf er zum Recht, und es ging ihm gut. Heißt nicht das, mich zu erkennen? – Spruch des HERRN.
Jeremia kritisiert König Zidkija, weil er sich auf Kosten der Armen einen Prunkpalast erbaut, und lobt dessen Vater Joschija, weil es unter dessen Regierung den Schwachen und Armen gut erging. Und dann sagt er den höchst gewichtigen Satz: Den Schwachen und Armen zu ihrem Recht verhelfen – das ist wahre Gotteserkenntnis!
Das ist eine völlig neue Definition und Wesensbestimmung von Religion. Wahre Religion besteht nicht im Opferkult, sondern in Gebeten des Lobes und Dankes, in wahrer Gotteserkenntnis, in Gottesliebe und sozialer Gerechtigkeit. Was für eine geistige Revolution!
Diese geistige Revolution kam mit dem Judentum und dem Christentum, mit den atl. Propheten und Jesus Christus. Es hat Jahrhunderte gebraucht, bis sie sich durchgesetzt hat. Wir sagen heute leichthin: Wahre Religion besteht in Gottesliebe und Nächstenliebe. Uns ist nicht mehr bewusst, welche jahrhundertelange Gehirnwäsche es gebraucht hat, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Wie viele Jahrhunderte wird es noch brauchen, bis wir gelernt haben, nach dieser Definition nicht nur unser Privatleben, sondern auch unser politisches, soziales und wirtschaftliches Leben zu gestalten?