Predigtimpuls
„Lasst beides wachsen bis zur Ernte“
1. Lesung: Weish 12,13. 16-18
2. Lesung: Röm 8, 26-27
Evangelium: Mt 13, 24-43
In der Agrarwelt des Nahen Ostens gibt es ein Unkraut, das die Bauern zutiefst verabscheuen: den Taumellolch. Diese hochgiftige Grasart kommt häufig auf Weizenfeldern vor. Das Besondere an diesem Unkraut ist, dass es in seinen frühen Wachstumsstadien eine verblüffende Ähnlichkeit mit Weizen in Form, Farbe und Halm aufweist. Aus diesem Grund ist die Forderung des Gutsherrn verständlich, sowohl Weizen als auch Unkraut gemeinsam bis zur Ernte wachsen zu lassen und erst dann zu trennen. Andernfalls könnte man durch Verwechslungen leicht Weizen statt des Unkrauts ausreißen.
In dieser Parabel symbolisieren Weizen und Unkraut das Gute und das Böse in der Welt und in uns. Beide sind real und existieren nebeneinander. Das Böse kommt nicht von Gott, sondern wird symbolisch durch einen „Feind“ in die Welt gestreut. Angesichts dieser Tatsache folgt die menschliche Urreaktion, das Böse sofort auszumerzen: „Herr, sollen wir gehen und es ausreißen?“, fragen die Arbeiter.
Die Antwort des Gutsherrn ist äußerst überraschend und radikal: „Nein, damit ihr nicht zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen ausreißt. Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte.“ Diese Antwort klingt augenscheinlich nach einer falschen Toleranz oder einer Abfindung mit dem Bösen.
Im Blick auf das Böse in der Welt erweckt dieses „Lasst beides wachsen bis zur Ernte!“ Fragen über Fragen: Warum duldet Gott so vieles, was verkehrt läuft? Warum tritt er vielem Üblen und Bösen, das es in der Welt gibt, nicht energisch entgegen? Warum lässt er es zu, anstatt es in seiner Allmacht zu verhindern? Wird das Böse nicht sogar unterstützt und gefördert, wenn man nichts dagegen unternimmt?
Dieses Gleichnis möchte uns keineswegs zu einer falschen Toleranz gegenüber dem Bösen aufrufen. Gott toleriert das Böse nicht, denn es heißt ausdrücklich, dass das Unkraut am Ende gebündelt und verbrannt wird.
„Lasst beides wachsen bis zur Ernte“ fungiert als Warnung vor radikalen Säuberungsaktionen. Die Geschichte ist voll von Berichten über die gewaltsame Ausrottung alles vermeintlich Bösen im Namen Gottes. Wie oft haben wir in der Geschichte im Namen des Guten unendliches Leid angerichtet? Denken wir an Zwangsmissionierungen, Inquisition, Scheiterhaufen, die Verdammung von Glaubensüberzeugungen, den Entzug von theologischen Lehrstühlen oder die Diskriminierung bestimmter Menschengruppen und Verhaltensweisen. Diese rücksichtslosen Kurse richten viel Schaden an und rauben die Chance auf Umkehr und Neubeginn.
Das Gleichnis propagiert eine geduldige und gelassene Haltung aus Fürsorge für den Weizen – also aus Liebe zu allem, was gesät ist und gedeiht. Dies bedeutet jedoch nicht, untätig zu bleiben. Wir müssen stets achtsam gegenüber Einflüssen sein, die unser Leben vergiften könnten.
„Lasst beides wachsen bis zur Ernte“ ist also eine große Entlastung für uns. Es ist nicht unsere Aufgabe, die Welt zu retten und das Böse eigenhändig zu vernichten. Das ist Gottes Sache, wenn die Erntezeit da ist. Unsere Aufgabe ist, unsere Kraft in das Wachstum, nicht in die Zerstörung zu investieren. Wir sollten uns darauf konzentrieren, das Gute in uns selbst und in den Menschen um uns herum zu nähren. Vertrauen wir darauf, dass nur Gott allein am Ende alles richtig machen wird.