Predigtimpuls
„Immanuel – Gott mit uns“
1. Lesung: 1 Kön 19, 9a.11-13a
2. Lesung: Röm 9, 1-5
Evangelium: Mt 14, 22-33
Der Seesturm – eine aufregende Geschichte mitten im Sommer. Doch es geht nicht um Urlaubsstimmung oder bedrohende Urlaubserlebnisse auf dem Meer. In der Mitte seines Evangeliums greift der Evangelist Matthäus ein zen-rales Thema der ersten christlichen Gemeinden auf. Jesus ist nicht mehr unter ihnen. Sie erleben stürmische Zeiten. Sie wissen nicht, wie es weitergehen soll. Unsicherheit und Zweifel machen sich breit. Anfechtungen von allen Seiten. Die Gemeinden brauchen Stärkung im Glauben. Fast klingt es wie eine aktuelle Situationsbeschreibung der Kirche und Gemeinden unseres 21. Jahrhunderts – also hochaktuell, nicht weniger brisant.
Nehmen wir die Situation damals näher in den Blick: Jesus scheint abwesend zu sein, „auf dem Berg“ bei seinem Vater, die Jünger sich selbst überlassen. Sie haben gegen Sturm und Wellen zu kämpfen. Sie spüren mächtig Gegenwind und drohen unterzugehen. Es ist Nacht – äußerlich – aber vor allem auch in ihrem Inneren. Alle sitzen im gleichen Boot, ohne festen Boden, ohne sicheren Halt. Jesus hatte sie vorausgeschickt. Aber ohne ihn sind sie den Stürmen des Lebens hoffnungslos ausgeliefert – ohne Schutz, ohne Sicherheit.
Erst in der vierten Nachtwache, also zwischen drei und sechs Uhr morgens, kommt Jesus auf sie zu. Mit ihm hatten die Jünger nicht mehr gerechnet. Sie erkennen ihn auch nicht, sondern vermuten ein Gespenst und schreien vor Angst. Da gibt Jesus sich ihnen zu erkennen: „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!“ (V. 27). Petrus nimmt die Zusage Jesu ernst und doch vergewissert er sich: „Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme. Jesus sagt: Komm!“ (V.28f). Petrus lässt sich ansprechen. Er bricht auf! Er lässt seinem Glauben Taten folgen. Im Blick auf Jesus hat er Mut. Er lässt sich herausrufen und herausfordern. Er verlässt die scheinbare Sicherheit des Bootes. Und es gelingt ihm Unglaubliches. Er geht auf dem Wasser auf Jesus zu. Doch im entscheidenden Augenblick ist sein Glaube nicht stark genug, sein Vertrauen schwindet. Er beginnt zu sinken und droht unterzugehen. Erneut ein verzweifelter Aufschrei: „Herr, rette mich!“ (V. 30). Jesus streckt sofort seine Hand aus und ergreift ihn. Dann steigen beide ins Boot. Zurück im Boot legt sich der Wind. Die Stürme des Lebens verlieren ihre Bedrohung und ihre Bedeutung. Es kehrt Friede ein. Jetzt erkennen und bekennen die Jünger Jesus als den Sohn Gottes und knien vor ihm nieder.
Diese eindrucksvolle, wundersame Geschichte – können wir uns darin nicht wiederfinden? Könnte sie nicht auch die unsere sein? Viele Menschen heute spüren Gegenwind und fühlen sich Ängsten und Nöten ausgesetzt im Getriebe unserer rasanten, schnelllebigen Zeit und in einer Gesellschaft, in der traditionelle Sicherheiten keinen oder kaum noch Halt bieten? Alles scheint ins Wanken geraten zu sein und Vieles droht unausweichlich unterzugehen. Wo finden wir da noch Halt und Sicherheit?
Doch auch uns gilt - wie damals - Gottes Zusage: „Ich bin da.“ In der Begegnung am brennenden Dornbusch hat Gott sich geoffenbart, indem er Mose seinen Namen nennt: „Ich bin der <Ich-bin-da>“ (Ex 3,14) – für alle Zeiten und für alle Menschen. Der Evangelist Matthäus will uns diese Selbst-offenbarung Gottes ins Gedächtnis rufen. Schon im ersten Kapitel seines Evangeliums wird bei der Ankündigung der Geburt Jesu sein Name genannt: „Immanuel – Gott mit uns“ (Mt 1,23). Und Matthäus schließt sein Evangelium mit der Verheißung Jesu: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20). Dazwischen liegt unser Leben. Selbst in den Widerwärtigkeiten unseres Alltags, in den Stürmen und ausweglosen Situationen gilt sein „Ich bin es!“. Glauben wir dies? Oder hat es auch für uns gespenstische Züge?
Wir alle kennen den Gegenwind in unserem Leben: dass zum Beispiel etwas ganz anders kommt, als wir es uns erhofft oder erträumt haben; ein Unfall, eine schwere Erkran-kung, eine berufliche Neuorientierung oder einfach eine überraschende Wendung der persönlichen Lebenssituation. Schnell taucht dann die Frage auf: Warum? Warum gerade ich? Wie soll es weitergehen? Solche Herausforderungen verlangen Vertrauen und Mut zu neuen Schritten, ohne dass man genau weiß, wie es weitergehen wird. Wohl dem, der sich gehalten weiß, von der Zusage Gottes: „Ich bin bei euch!“
Gott kommt immer auf uns zu! Er findet uns. Und er lädt uns ein, ihm zu vertrauen. Dies gilt für jeden einzelnen wie für die gesamte Kirche. Papst Benedikt XVI. schrieb in seinem Jesus-Buch (Bd. II, S. 309f): „Der Herr scheint weit weg zu sein im Gebet auf seinem Berg. Aber weil er beim Vater ist, sieht er sie. Und weil er sie sieht, kommt er über den See zu ihnen, setzt sich mit ihnen ins Boot und ermöglicht ihnen die Fahrt zum Ziel. Dies ist ein Bild für die Zeit der Kirche und gerade auch uns zugedacht. Der Herr ist „auf dem Berg“ des Vaters. Deshalb sieht er uns. Darum kann er jederzeit in das Boot unseres Lebens einsteigen. Deswegen können wir ihn immer rufen und immer gewiss sein, dass er uns sieht und hört. … – das ist das Vertrauen der Christenheit, der Grund unserer Freude.“
Auch uns ruft Jesus zu: „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!“ (V. 27).