Predigtimpuls
Die kanaanäische Frau
1. Lesung: Jes 56, 1.6-7
2. Lesung: Röm 11, 13-15.29-32
Evangelium: Mt 15, 21-28
„Manchmal kann ich all das, was über Jesus gesagt wird, nicht mehr hören. ‚Der gute Hirte, der die Schäfchen weidet‘, ‚Jesus, der Mann aus Nazaret, der Reformer, der vor 2000 Jahren ganz tolle neue Dinge gelehrt hat‘, ‚Jesus, der Dein Freund sein will‘“ – so schreibt niemand Geringeres als der neue Bischof von Münster und Vorsitzender DBK Heiner Wilmer in seinem Buch mit dem provozierenden Titel „Gott ist nicht nett“. (2015)
Ich verstehe, warum er das manchmal nicht mehr hören kann. Mir geht es ähnlich, solche Floskeln haben oft nichts mit dem eigenen, suchenden Glauben und Zweifeln zu tun. Dieser weichgespülte Jesus ist aber auch nicht der Jesus, dem wir heute im Evangelium begegnen.
Eine Frau läuft Jesus nach, schreit ihm hinterher, denn ihre Tochter ist schwer krank, von einem Dämon gequält, wie es im Text heißt. Und Jesus? Reagiert erst einmal gar nicht. „Jesus aber gab ihr keine Antwort“ heißt es im Text. Nicht, wie man im Stile der eben genannten Floskeln denken könnte, Worte des Trostes, noch nicht mal eine Zuwendung, er würdigt sie offenkundig keines Blickes. Statt dessen nur Schweigen. Und werden die Jünger ungeduldig , gar nicht aus Mitleid mit der Frau, um die scheint es ihnen gar nicht zu gehen, sondern weil sie nervt: „Schick sie fort, denn sie schreit hinter uns her!“ Dann antwortet Jesus doch, aber nicht sanft, sondern schroff, fast schneidend: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“ Als die Frau trotzdem hartnäckig weiterbittet, wird der Ton nicht wärmer, sondern eher noch härter: Er vergleicht sie – zumindest klingt es so – mit einem Hund, dem man nicht das Brot der Kinder vorwerfen soll.
Dieses Schweigen, diese Abweisung und dann noch dieses harte, scheinbar abfällige Wort, das ist wirklich nicht der Hirte, der sanft die Schäfchen weidet, und das klingt auch nicht nach „deinem besten Freund“.
Und ehrlich gesagt: Diese frustrierende Erfahrung vom Schweigen statt Trost und von einem Gott, der sich gerade dann entzieht, wenn man ihn am meisten braucht, kennen viele von uns aus dem eigenen Leben: aus langen Tagen und Nächten am Krankenbett, aus vielen Jahren, in denen ein Gebet einfach unbeantwortet blieb, aus dem Moment, in dem man auf eine Antwort gehofft hat und nur die eigene Stimme im Raum hörte. Spätestens da hat das Bild unserer Kindheit vom „lieben Gott“ Risse bekommen, es erklärt solche Erfahrungen nicht und passt nicht zu ihnen.
Aber wenden wir unseren Blick noch einmal zurück zum Evangelium: Wir begegnen einem schroffen und abweisenden Jesus. Was ist da los?
2. Schauen wir genauer auf den Text. Um ihn richtig zu verstehen, muss man sich an eine einfache, aber oft vergessene Tatsache erinnern: Jesus war Jude. Seine ersten Jünger waren
Juden. Die ganze Bewegung, aus der später „die Kirche“ wurde, hat als eine Erneuerungsbewegung innerhalb des jüdischen Volkes begonnen. Erst nach und nach, über Jahrhunderte, haben sich Judentum und Christentum als zwei eigenständige Wege auseinanderentwickelt, das passierte nicht an einem einzigen Tag und auch nicht durch einen radikalen Bruch.
Das heißt: Wenn Jesus sagt, er sei „nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“, dann ist das, so sagen es uns die Bibelwissenschaftler und die Theolog:innen, die sich mit dem Verhältnis zwischen Judentum und Christentum beschäftigen, dann ist das keine Abwertung von Menschen außerhalb Israels. Es ist keine Aussage über einen Ausschluss, sondern es geht um eine Reihenfolge. Gott hat sich das Volk Israel erwählt, und dieser Bund steht am Anfang und bleibt gültig. Dass andere Völker dazukommen, ist keine Konkurrenz zu diesem Versprechen, sondern seine Erweiterung.
Dieses Verständnis können wir auch an dem Bild festmachen, das Jesus selbst benutzt, nämlich an dem harten Wort von den Kindern und den kleinen Hunden: „Es ist nicht recht, den Kindern das Brot wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.“ Das ist schroff, aber schauen wir auf die Logik: Es geht nicht darum, dass die einen etwas bekommen und die anderen für immer leer ausgehen, vielmehr wird eine Reihenfolge am Tisch gesetzt: erst die Kinder, dann die anderen. Wenn wir es also genau lesen, wird kein „entweder – oder“ formuliert, sondern ein „zuerst – und dann auch“.
Genau darauf hat sich die Kirche in den letzten Jahrzehnten neu besonnen. Lange Zeit hat man aus solchen Texten herausgelesen, die Kirche habe Israel gewissermaßen abgelöst und sei an seine Stelle getreten. Das nennt man Substitutionstheologie, die allerdings heute, gerade auch in der katholischen Kirche, als überholt und falsch gilt. Das II. Vatikanische Konzil hat mit der Erklärung Nostra aetate über das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen von 1965 einen wegweisenden Schritt auch in dieser Verhältnisbestimmung zum Judentum formuliert und daran erinnert, was Paulus im Römerbrief schreibt: „Unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ (Röm 11,29). Israels Erwählung ist nicht erloschen, sondern gilt weiterhin. Wir als Kirche aus den Völkern sitzen dann – und darin besteht der Wendepunkt der Perspektive – nicht statt Israel am Tisch, sondern mit Israel.
Das ist die eigentliche Pointe unserer Geschichte: Nicht, dass Jesus zunächst engstirnig gewesen wäre und von einer klugen Frau eines Besseren belehrt worden wäre, ist die Grundaussage (es gibt zwar feministische Interpretationsansätze, die genau das betonen, aber das unterschätzt sowohl Jesus als auch die Bedeutung des Textes.) Vielmehr bleibt Gottes Treue zu Israel der Grund, auf dem alles andere aufbaut. Von diesem festen Grund aus öffnet sich die Zusage Gottes und sein Bund auch für die, die ursprünglich nicht dazugehören sollten, für diese hartnäckige, fremde, unbequeme Frau im Evangelium und auch für uns heute.
3. Welche Konsequenzen ziehen wir für uns heute aus diesem Abschnitt des Evangeliums? Lassen Sie mich einige Aspekte nennen, die mir bei der Beschäftigung mit diesem Text wichtig geworden sind:
(1) Glaube verleiht Energie. Ein bekanntes Sprichwort sagt, der Glaube verleihe Flügel. Das trifft es nicht ganz, Fliegen klingt nach Mühelosigkeit, nach Schweben. Was diese Frau im Evangelium zeigt, ist etwas anderes: Ihr Glaube gibt ihr die Kraft, dranzubleiben, zu widersprechen, es noch einmal zu versuchen, obwohl sie mehrfach abgewiesen wird. Der Glaube führt also nicht dazu, die Hände in den Schoß zu legen, das eigene Engagement wird nicht durch ihn abgelöst. Der Glaube verhilft uns vielmehr dazu, etwas wenden zu wollen und das mit Gottes Hilfe.
(2) Nicht wir entscheiden, wer dazugehört. Die Jünger wollen die Frau wegschicken, noch bevor sie überhaupt gehört haben, was sie zu sagen hat. Wie schnell ziehen auch wir die Grenze zwischen „dazugehörig“ und „nicht dazugehörig“? Diese Geschichte erinnert uns daran, dass es nicht unsere Aufgabe ist, über Zugehörigkeit zu Gottes Volk zu richten.
Das gilt im Kleinen für unsere Gemeinden und Kirche. Es gilt aber auch im Großen gegenüber dem jüdischen Volk etwa, dessen Erwählung, wie wir gesehen haben, durch nichts und niemanden, auch nicht durch die Kirche, aufgehoben ist.
(3) Wie gehen wir mit denen um, die scheinbar nicht dazugehören? Diese Frau ist Ausländerin, Angehörige eines historisch verfeindeten Volkes, und eine Frau, die sich ungefragt in eine Männerrunde drängt, also Außenseiterin aus drei verschiedenen Perspektiven. Und die Geschichte stellt uns eine Frage, ohne uns die Antwort leicht zu machen: Reagieren wir wie die Jünger „schick sie weg, sie schreit uns nach“, oder lassen wir uns, wie Jesus am Ende, von diesem Menschen und seinem Glauben tatsächlich beeindrucken, nehmen wir ihn ernst? Die frommen und weichgespülten Floskeln vom Anfang dieser Predigt helfen da nicht weiter.
(4) Gott ist nicht einfach „nett“. Lassen Sie uns noch einmal zurückdenken an den Titel des
Buches von Heiner Wilmer „Gott ist nicht nett.“ Wir malen uns Gott gern als den „lieben“ Gott, der sofort tröstet, sofort antwortet, nie schweigt und alle Not von uns fernhält. Wir betonen in unserem Gottesbild gerne die tröstlichen, liebevollen Seiten und blenden andere aus, die es aber genauso gibt: Gottes Schweigen, sein Uns-fremd-Sein und seine Unverfügbarkeit. Diese Perikope des Evangeliums mutet uns zu, unser eigenes, oft zu bequemes Gottesbild noch einmal zu befragen.
(5) Vertrauen, auch ohne sofortiges Verstehen. Am Ende der Erzählung des Evangeliums steht die Heilung und das anerkennende Wort Jesu zum Glauben der Frau. Aber das wusste sie im Moment ihres Schreiens nicht, sie musste durch das Schweigen und die Abweisung hindurch, ohne zu wissen, wie es ausgeht. Vielleicht ist das die tiefste Konsequenz dieser Geschichte für unseren eigenen Glauben: dass wir Gott auch dann vertrauen dürfen, wenn wir ihn, zumindest in dem jeweiligen Moment, nicht verstehen, seine Wege nicht durchschauen, aber hoffen dürfen, dass er es letztlich gut mit uns meint.