Allgemeine Gebetsmeinung - September 2004

01. Sep 2004

Wir beten, dass die Christen, gefestigt in ihrem Glauben, zum Dialog mit Andersgläubigen bereit sind.

Wir leben Tür an Tür

"Schon wieder Dialog!" werden manche sagen. "Muss man denn dieses Modewort auch noch zum Gebetsanliegen machen?" Ja, Dialog ist ein Modewort. Doch es ist ja nicht zufällig dazu geworden. Früher war die Gelegenheit zum Dialog in der Regel gar nicht gegeben. Der einfache Gläubige kannte nichts anderes als seinen Glauben. Er wusste wohl von anderen Konfessionen, anderen Religionen, aber die waren meist weit weg.
Das begann zunächst bei den Konfessionen anders zu werden. Es gab bald keine rein katholischen (und auch keine rein evangelischen) Gebiete mehr. Und das Gleiche geschieht heute mit den Religionen. Sie leben Tür an Tür mit uns.

Das ist eine Herausforderung. Die Christen fragen sich: Welche Religion ist nun die richtige? Warum soll ausgerechnet unsere Religion die wahre sein, wenn es so viele Möglichkeiten gibt? Solange diese fremden Religionen nur in den Büchern standen, stellte sich dieses Problem nur theoretisch. Aber jetzt, wo sie in unserer Mitte leben, wird es eine ganz praktische Herausforderung.


Viele sind verunsichert

Wie reagieren die Christen darauf? Einige schotten sich ab. Andere werden verunsichert. Sie kommen vielleicht zu dem Schluss, alle Religionen seien gleich-gut und gleich-gültig.  Die angemessene Haltung indessen sollte der Dialog sein. Der Dialog von Christen, die, weil "gefestigt in ihrem Glauben" (Gebetsmeinung), offen sind für den Dialog mit anderen. Weil sie selbst eine Glaubenserfahrung gemacht haben, sind sie neugierig, wie der Moslem von nebenan seinen Glauben erfährt, wie er seinen Glauben lebt.

Ich denke, mit dieser ganz einfachen Neugier fängt der Dialog an, und diese Neugier (oder nennen wir es Interesse) hat vor allem der gläubige Mensch. Mich interessierten in Japan zunächst die buddhistischen und schintoistischen Tempel. Ich schaute mir den Altar an, auf dem die Opfergaben lagen, den Platz mit den größeren und kleineren Gongs, an dem die Sutren rezitiert wurden. Ich machte die Feste mit, besuchte auch ab und zu den buddhistischen Gottesdienst. Und schließlich wurde ich bekannt mit einem buddhistischen Priester und einem Schinto-Priester, mit dem sogar eine Freundschaft entstand.  Die meisten anderen Ausländer, die in Japan lebten, hatten dieses Interesse nicht. Bei mir (und vielen anderen) kam es aus dem eigenen christlichen Glauben heraus.


Meine Freundschaft mit einem Schinto-Priester

Es ging dabei nicht darum, zu bekehren. Es war eine Freundschaft ohne Hintergedanken. Und trotzdem hat sie mir viel für meine missionarische Arbeit gebracht. Ich kannte nun den Hintergrund der Männer und Frauen besser, die zu mir in den Glaubenskurs kamen. Ich konnte mit tieferem Verständnis zu Buddhisten und Schintoisten sprechen. 

Dialog und Verkündigung des Evangeliums ist ja kein Gegensatz. Missionarische Verkündigung ging zu meiner Zeit in Japan meist so vor sich, dass jede Pfarrgemeinde, jede katholische Universität Glaubenskurse anbot. Wer zu diesen Kursen kam, hatte ein Interesse am Christentum. Er (oder sie) erwartete die Verkündigung, die natürlich auch in dialogischer Form vor sich ging, und hatte oft den Wunsch, getauft zu werden. Das war eine andere Situation als der interreligiöse Dialog, dessen erstes Ziel nicht die Bekehrung des Partners ist. Doch beides ist notwendig, und beides spielt ineinander.


Gibt es ein Gemeinsames in allen Religionen?

Zur Haltung des Dialogs gehört, im Partner eher das Positive als das Negative und eher das Gemeinsame als das Trennende zu sehen.
Gibt es ein Gemeinsames zwischen allen Religionen? Das Zweite Vatikanum hat dies behauptet. Die Sätze sind wert, zitiert zu werden: "Der Mensch erwartet von den verschiedenen Religionen Antwort auf die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins, die heute wie von je die Herzen der Menschen im Tiefsten bewegen: Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist das Gute, was die Sünde? Woher kommt das Leid und welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren Glück? Was ist der Tod, das Gericht und die Vergeltung nach dem Tod? Und schließlich: Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?" (Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, Vorwort).

Gemeinsam sind also eher die Fragen als die Antworten. Aber der Dialog mit den anderen Religionen erhält erst seine existentielle Tiefe, wenn wir von diesen grundlegenden menschlichen Fragen ausgehen und immer wieder auf sie zurückkommen. Und wenn wir die Antworten miteinander vergleichen unter dem Gesichtspunkt, wer die gültigste Antwort auf die Rätsel des menschlichen Daseins zu geben vermag.


Dieser Beitrag ist entnommen aus der Zeitschrift "DIE ANREGUNG" Ausgabe 5/2004

Karl Neumann SVD

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