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Missions-Ethnographisches Museum St. Gabriel

 Geschichte | Aufstellung | Führungen

Geschicht

Schon bald nach der Gründung des Hauses regte sich der Wunsch, die Wege der vielen Mitbrüder zu dokumentieren, die von St. Gabriel aus in die Welt hinausgegangen waren. Jährlich schlossen Gruppen von 20, 30 oder mehr als Priester oder Missionsbrüder ihre Ausbildung in St. Gabriel ab, um in jene Länder zu gehen, in denen die Steyler Ordensgemeinschaft wirkte. Bis zum Tod des Ordensgründers (1909) hatte sich das Arbeitsfeld seiner jungen und dynamischen Gesellschaft schon auf alle Kontinente ausgeweitet.
 
Die Anfänge dieser Dokumentation waren klein. Um 1900 stellte man die ersten Gegenstände, die vor allem aus China und Ozeanien gekommen waren, zusammen. Mit den linguistischen und völkerkundlichen Forschungen P. Wilhelm Schmidts und der Begründung der internationalen Zeitschrift „Anthropos“ im Jahr 1906 bekam das Interesse an der Missionsausstellung einen entscheidenden neuen Impuls: Die Kulturgeschichte der Menschheit sollte im Selbstverständnis der jungen Missionare und ihrer künftigen Aufgabe immer mehr Beachtung finden und darum nicht nur in ihrer Ausbildung, sondern auch in der Darstellung ihrer Mission einen festen Platz haben.
 
Wer die Sprache der Menschen, zu denen er geht, nicht versteht und spricht, wer ihre kulturellen Ausdrucksformen, Denkweisen und Anschauungen nicht kennt, kann ihnen das Evangelium Jesu nicht verkünden. Darum mußte auch die religiöse Welt der Menschen, das Herzstück jeder Kultur, in gebührender Weise zur Darstellung kommen. So verlief die Geschichte des Missionsmuseums von St. Gabriel parallel zur Entwicklung der völkerkundlichen Schule von St. Gabriel.
 

Die Jahre der Enteignung des Missionshauses von 1941 bis 1945 bedeuteten auch für das Museum eine große Zäsur. Wenn auch viele Gegenstände ins Völkerkundemuseum nach Wien gebracht wurden, so waren doch schon vor diesem Abtransport kostbare Teile, vor allem eine schöne Sammlung chinesischen Porzellans, in fremde Hände übergegangen. Nach Kriegsende kamen die ins Völkerkundemuseum überstellten Wertobjekte wieder nach St. Gabriel zurück, wo sich P. Paul Schebesta um die Neuaufstellung des Museums in dieser ersten Nachkriegszeit große Verdienste erworben hat.
 

Von 1977 bis 1979 konnte der gesamte Museumsbereich einer notwendig gewordenen Generalsanierung unterzogen und eine umfassende Neuordnung in Angriff genommen werden. Auch in dieser Zeit bedeutete die freundschaftliche Zusammenarbeit mit dem Museum für Völkerkunde in Wien unter dessen Direktor, Hofrat Dr. Hans Manndorff, eine besonders wertvolle Hilfe. Dank der Unterstützung, die das Vorhaben vor allem durch das Wissenschaftsministerium und die Kulturabteilung der niederösterreichischen Landesregierung erfuhr, waren auch die Erneuerung sämtlicher Vitrinen, der Medienausstattung und später (1984/85) auch die Einrichtung einer eigenen Studiensammlung möglich geworden.

 

P. Andreas Bsteh SVD

Aufstellung

Das Missions-Ethnographische Museum gliedert sich regional, und zwar entsprechend den großen Arbeitsfeldern der Missionare von St. Gabriel in China, Japan, Indien, Indonesien, Papua-Neuguinea, in den Ländern Afrikas südlich der Sahara und Lateinamerikas sowie schließlich im Inselreich der Philippinen. 

Madonna mit Kind - Schnitzlack-Arbeit aus der Schule des Lukas Ch'en, China, um 1935

Madonna mit Kind - Schnitzlack-Arbeit aus der Schule des Lukas Ch'en, China, um 1935

Schwerpunkte der Sammlung sind heute Exponate aus der allgemeinen Kultur- und Religionsgeschichte Chinas, etwa eine Bodhisattva-Figur aus dem Jahr 1378 und eine illuminierte daoistische Handschrift aus dem 17. oder 18. Jahrhundert (Teil der „Josef-und-Helene-Sammer-Stiftung“); Originalzeugnisse aus der Geschichte des Christentums im Reich der Mitte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts mit einem reichhaltig handgestickten liturgischen Ornat; ein handschriftliches Bittgesuch einer Christengemeinde an den Papst aus dem Jahre 1839 und aus der Frühzeit der von den Steyler Missionaren um 1930 in Peking eingerichteten Kunstakademie „Ars Sacra Pekinensis“ eine „Madonna mit Kind", eine Schnitzlackarbeit aus der Schule des Lukas Ch’en um 1935.

 

 Aus Japan stammt eine große kunstvolle Emailvase, die in ihrer Ausgestaltung als eindrucksvolles Zeugnis für die universistische, alle Bereiche umfassende Weltsicht Ostasiens angesehen werden darf, und eines jener „Tretkreuze“, wie sie in der Christenverfolgung seit dem späten 16. Jahrhundert verwendet wurden, um Christen zum Bekenntnis ihres Glaubens oder zum Abfall zu zwingen.

 

Im Mittelpunkt des Indien-Raumes stehen ein zartgeschnitzter Corpus des Gekreuzigten aus der Anfangsperiode der neuzeitlichen Missionsgeschichte (16./17. Jh.) sowie Originaldokumente aus dem für die jüngste Zeit bahnbrechenden Lebenswerk des P. Georg Proksch SVD (1932 in St. Gabriel zum Priester geweiht), das in Dichtung, Musik und Choreographie der Verkündigung des Evangeliums in den Ausdrucksformen der indischen Kulturtradition gewidmet war.

 

Ganz im Zeichen der reichen und vielgestaltigen Kultur Indonesiens und seiner lebendigen Christengemeinden geben vor allem vier Ölbilder aus Bali dem folgenden Raum sein Gepräge. Eingetaucht in die Natur- und Kulturlandschaft dieser traditionsreichen Inselwelt Südostasiens werden vier Szenen aus dem Leben Jesu dargestellt: seine Geburt, der reiche Fischfang, die Stillung des Seesturms und die Kreuzigung. Der Betrachter versteht die Botschaft der Bilder: Jesus ist einer von ihnen - er wird den Balinesen als ihr Bruder geboren, lebt und verkündet als ihr Meister das Königreich der Himmel und stirbt für sie, die unter seinem Kreuze stehen, als ihr Herr und Erlöser den Tod der Liebe.

 

Die völkerkundlich wertvollsten und reichhaltigsten Bestände des Museums kommen aus der Welt der Stammeskulturen Papua-Neuguineas, vornehmlich aus dem Sepikgebiet. Der Hauptteil der Sammlung stammt aus einer Zeit, die vor jeder Berührung mit der westlichen Zivilisation lag: kennzeichnende Schmuckgegenstände, Handwerkzeuge, Hausgeräte und Waffen der Steinzeit bis hin zu den verschiedenen Arten von Masken und Kultgegenständen, denen in der religiösen Welt der Eingeborenen, in ihren rituellen Handlungen so wie in Bau und Ausgestaltung ihrer Geisterhäuser eine wichtige Rolle zukommt. Die Gestalt eines großen Seelenvogels, der kraftvoll einen Verstorbenen in seinen Fängen hält und in das Reich der Ahnen trägt - als Giebelverzierung eines Geisterhauses -, reichgeschmückte Trophäenschilder, ein urtümlicher, großer Kultstein mit dem darin eingearbeiteten Profil eines Ahnen, ein Zeremonialstuhl, eine unversehrt erhaltene Tanzmaske und ein seltener Tanzhüftschmuck - alles sprechende Zeugnisse einer Kultur, die gerade in ihrer frühen Stufe den das Jenseits suchenden Menschen erkennen läßt. Aus dem oberen Lauf des Sepik, einem Gebiet, in dem die Schnitzkunst seit jeher heimisch ist, besitzt das Museum auch ein Kunstwerk aus neuester Zeit, mit dem ein einheimischer Schnitzer dem christlichen Glaubensinhalt von „Sünde und Erlösung“ Ausdruck zu verleihen suchte: zwei Figurengruppen - Adam und Eva durch die Sünde in der Gestalt einer Schlange voneinander entzweit, Maria mit dem Kind durch die Liebe in der Gestalt eines sie einhüllenden Umhangs miteinander geeint - aus einem einzigen Baumstamm herausgearbeitet. Naive Kunst, doch umso menschlicher in ihrer Aussage.

 

Aus dem Bereich der afrikanischen Stammeskulturen ist eine Sammlung von Schmuckgegenständen der Buschmänner hervorzuheben, die aus feingeschliffenen Stückchen zerbrochener Straußeneier gefertigt wurden. Sie waren Teil einer kleinen, von P. Martin Gusinde angelegten Sammlung aus der Zeit seiner völkerkundlichen Feldforschungen in der Kalahari-Wüste. Von besonderer Ausdruckskraft auch Fetische aus Zentralafrika sowie verschiedene Gegenstände, wie Bogen und Pfeile, die P. Paul Schebesta von seinen Pygmäen in den Urwäldern des lturi mitgebracht hatte. Interessant auch hier erste Versuche einer christlichen Kunst, die - durch den Schebesta-Schüler P. Hermann Hochegger angeregt - von einem einheimischen Schnitzer im Gebiet von Bandundu, Zaire, stammen: ein Kreuzweg und verschiedene Bilder von Szenen aus dem Leben Jesu.

 

Für den ersten Blick nicht erkennbar, ist doch die Feuerland-Sammlung von P. Martin Gusinde im Bereich der Lateinamerika-Abteilung des Museums von einzigartigem Wert. Was dieser große Völkerkundler bei seinen vier Forschungsreisen zu den indianischen Wasser- und Festlandnomaden der Halakwulup, Selk’nam und Yamana an der Südspitze des südamerikanischen Kontinents gesammelt hat, ist zum einzigartigen Zeugnis einer inzwischen endgültig untergegangenen Menschheitskultur geworden. Vielfach handelt es sich dabei um jene originalen Zeugnisse dieser frühen Menschheitskultur, die P. Gusinde in seinem klassischen Werk über die Feuerlandindianer abgebildet und besprochen hat. 

Ricardo Yucaddi, „Maria ist die, die den Herrn mit Öl gesalbt und seine Füße mit ihren Haaren getrochnet hat“ (Johannes 11,2)

Ricardo Yucaddi, „Maria ist die, die den Herrn mit Öl gesalbt und seine Füße mit ihren Haaren getrochnet hat“ (Johannes 11,2)

Im Vortrags- und Filmsaal sind schließlich die wertvollsten Gegenstände der Philippinen-Abteilung des Museums ausgestellt: Aus der allgemeinen Kulturgeschichte des Inselreiches finden sich u. a. ein alter Tonkrug, Musikinstrumente und auf Bambusholz eingeschnitzte Gedichte" tingyanischer Eingeborenenstämme. Die jahrhundertealte Präsenz des Christentums in diesem bislang einzigen mehrheitlich christlichen Land Asiens ist in zwei Dokumenten, die wahrscheinlich aus der Frühzeit seiner Christianisierung im 16. und 17. Jahrhundert stammen, dargestellt: in der holzgeschnitzten Figur eines heiligen Antonio und in einer Urna", einem Altärchen, das aus der Glaubenstradition einer Familie von Nordluzon stammt. Ein beachtenswertes Zeugnis der christlichen Zeitgeschichte aus dem Bereich des weiträumigen Wirkungsfeldes der Steyler Missionare auf den Philippinen ist ein Auftragswerk des Museums an einen einheimischen Künstler, Ricardo Yucaddi, von der Insel Luzon. Das Kunstwerk, dem ein Konzept von St. Gabriel zugrundeliegt, umfaßt 15 holzgeschnitzte Halbrelieftafeln und sucht Stationen eines Weges Jesu nach Johannes in die Welt der einheimischen Bergstämme der Tingyanen zu verlegen und mit den Stilmitteln dieser Stammeskultur darzustellen.